Die neunte Plage der Krimikritik

Dunkles Schweden

Wann ist es in Skandinavien hell und dunkel?

Da sprach der Herr zu Henning: Recke deine Hand gen Himmel, daß eine solche Finsternis werde im Schwedenland, daß man sie greifen kann.

Buchkritiker, die noch nie in Skandinavien waren, lassen ihre Besprechung von schwedischen Krimis gerne so beginnen: Schweden ist ein unheimlich dunkles Land und eignet sich damit vorzüglich für finstere und abgründige Krimis.

Schon aus literarischer Sicht ist es sehr erstaunlich, wie man auf solch einen Gedanken überhaupt kommen kann. Hier soll es aber vor allem um zwei andere Irrtümer gehen, die diese Schnapsidee enthält:

  1. In Schweden und Skandinavien insgesamt herrscht größere Dunkelheit herrscht als in Mitteleuropa;
  2. Finsternis ist unheimlicher als Helligkeit und eignet sich damit besser für einen Krimi.

Der Pålsundet an einem Sommerabend

Der Pålsund-Kanal, wie ihn die Stockholmer lieben. Bild vergrößern

Der Pålsundet in einer Winternacht

Der Pålsund-Kanal, wie ihn Krimifans lieben. Bild vergrößern

Wann ist es in Schweden hell und wann dunkel?

Die durchschnittliche Dauer der Tageshelligkeit ist höher als in südlicheren Ländern. Schuld daran ist die Neigung der Erdachse. Daran ist nicht das Phänomen der Mitternachtssonne als Aufhebung der Tag-Nacht-Grenze schuld. Weil die Lichtstrahlen der Sonne in der Atmophäre gebrochen werden (Refraktion), muß die Sonnenscheibe gar nicht über den Horizont steigen, um für indirektes Licht zu sorgen.

Durch die Neigung der Erdachse ist es in Skandinavien generell heller

Dieses indirektes Licht ist die Dämmerung (sog. Schimmereffekt). Je weiter im Norden, desto länger die Dämmerung. Das kannst Du leicht nachvollziehen, wenn Du schon einmal am Mittelmeer, den kanarischen Inseln oder in Florida Urlaub gemacht hast: Dort fällt die Sonne auch im Sommer gegen sechs Uhr wie ein Stein ins Wasser. Nachdem sie unter den Horizont gefallen ist, ist es in Miami, Kairo, Nairobi stockdunkel. In Deutschland dagegen wird es erst mit einiger Verzögerung dunkel. Und kommt man noch weiter in den Norden, wird die Dämmerung immer länger. Das ist auch im Winter so.

Der kürzeste Tag des Jahres: Wintersonnenwende

Ein Beispiel in Zahlen: Für den 64. Längengrad, also 2,5 Grad südlich des Polarkreises und auf der Höhe von Reykjavík in Island, Skellefteå in Schweden, Oulu in Finnland und etwas nördlich von Trondheim in Norwegen steht die Sonne am Tag der Wintersonnenwende (21./22. Dezember) um 13 Uhr am höchsten Punkt 3 Grad über dem Horizont, und zwar im Süden. Die Morgendämmerung beginnt um 10 Uhr, die Sonnenscheibe steigt aber erst um 12 Uhr über den Horizont.

Wintermittag in Reykjavík

Þreifandi myrkur? Alls ekki! Im Winter ist es in Reykjavík zur Mittagszeit hell. Das wechselhafte Wetter sorgt für unterschiedliche Lichtverhältnisse. Blick gegen Südwest.

Tiefstehende Sonne im Hafen von Reykjavik

Nachmittag im Hafen von Reykjavík. Blick gegen Südost.

Die Dämmerung dauert also zwei Stunden. Ähnlich am Nachmittag: Um 15 Uhr sinkt die Sonne wieder unter den Horizont. Die Dämmerung dauert wieder knapp zwei Stunden, bis es um 16 Uhr stockdunkel ist. Das ist auf dieser geografischen Breite der Extremfall für den kürzesten Tag des Jahres. In Stockholm taucht die Sonne etwas früher auf, am Nachmittag sinkt sie ähnlich früh unter den Horizont, aber die Dämmerung dauert einige Minuten länger. Dies fällt den Stockholmern jedoch kaum auf, denn sie bewegen sich zwischen sechstöckigen Gebäuden (sog. Bergeffekt).

Untergehende Wintersonne in der Klarabergsgatan

Klarabergsgatan: Im Dezember geht die Sonne gegen halb drei im Südwesten unter.Bild vergrößern

Im Winter ist die Sonne wie hier in der Sigtunagatan in Vasastan nur in Straßenschluchten zu sehen

Vasastan: Im Meer der Häuser ist die Sonne nur in den Fluchten von Seitenstraßen in Nordsüdlicher Richtung zu sehen.Bild vergrößern

Die Gebäude sorgen dafür, daß die Sonne für die Stockholmer viel früher verschwindet als für die Menschen in Reykjavík und Skellefteå, wo die Gebäude niedriger sind und man oft freien Blick auf den Horizont hat.

Sonnenuntergang auf  der Schäreninsel Yxlö

Von der Schäreninsel Yxlö ist der südliche Horizont frei zu sehen:
Mittagssonne am Tag der Wintersonnenwende. Man hat stundenlang das Gefühl, daß die Sonne jeden Moment untergehen müßte.

Untergehende Wintersonne in den Schären

Wintersonnenwende: Sonnenuntergang in den Schären
am 21. Dezember

Der längste Tag des Jahres:
Mittsommer

Das andere Extrem zur Sommersonnenwende: In der Mittsommernacht (gefeiert wird in Schweden aus Gründen der Vernunft erst am darauffolgenden Wochenende) steht die Sonne zur Mittagszeit fünfzig Grad über dem südlichen Horizont. Wenn man senkrecht nach oben blickt, sieht man die Sonne also nicht wie am Äquator. In Deutschland steht sie etwas höher. Das Gegenteil ist interessanter: Um Mitternacht sieht man die Sonne in Deutschland nicht. Nördlich des Polarkreises jedoch schon (ganz oder teilweise), und zwar nun nicht im Süden sondern im Norden. Denn nun ist es auf der anderen Seite der Erdkugel Tag, und dabei kann man zusehen. Das ist die sogenannte Mitternachtssonne (in Schweden und Norwegen: Midnattssol; in Island: miðnætursól).

Da Reykjavík, Trondheim, Skellefteå und Oulu mit 64 Grad knapp südlich des Polarkreises liegen (und Stockholm noch südlicher), sieht man hier zwar keine Mitternachtssonne, hat dafür aber selbst um Mitternacht eine Dämmerung, die Menschen aus Deutschland und erst recht aus Afrika wie der lichte Tag vorkommt. Am dunkelsten ist es dabei zwischen 1 und 2 Uhr am Morgen. Die Sonne geht um kurz nach drei in Nordnordost auf und geht um erst eine halbe Stunde vor Mitternacht in Nordnordwest wieder unter. Die Sonne ist also 21 Stunden lang zu sehen. Dunkel wird es überhaupt nicht. Nur nördlich des Polarkreises geht die Sonne überhaupt nicht auf. In Norwegen heißt diese Zeit mørketid (Dunkelzeit), in Schweden middagsmörker (Mittagsdunkelheit).

Riddarfjärden und Stadshuset in der Mittsommernacht

Kurz vor Mittsommer: Riddarfjärden um drei Uhr am Morgen.
Obwohl die Sonne noch gar nicht im Südwesten aufgegangen ist,
erhellt das gebrochene Sonnenlicht den westlichen Himmel.
Stockholm liegt auf dem 59. Breitengrad.Bild vergrößern

Zwischen den Sonnenwenden

Die Bedingungen sind also selbst zur Sonnenwende bis hinauf zum Polarkreis prinzipiell gleich wie in Deutschland, jedoch mit steigender geografischer Breite extremer. Anders ist es zum Frühlings- und Herbstanfang, der Frühjahrs- und Herbsttagundnachtgleiche (in Schweden: vårdags- och höstdagsjämningen; in Island: vor- og haustjafndægur). Diese Zeitpunkte liegen genau in der Mitte zwischen den Sonnenwenden. Hier sind Nacht und Tag gleichlang. Ende April herrschen in Stockholm ähnliche Lichtbedingungen wie in Berlin oder München. Da die Sonne jedoch im Norden niedriger steht, wird es nicht so warm und die Lichtstrahlen erreichen keine so hohe Intensität, weil sie einen längeren Weg durch die Atmosphäre zurücklegen müssen. Allerdings dauert auch in diesen Normalzeiten die Dämmerung im Norden länger als im Süden.

Reykjavík und Nordschweden haben also im Jahresmittel pro Tag (!) ganze zwei Stunden (!) mehr Helligkeit als der Sonnenstaat Florida.

Helligkeit und Krimigrusel

Nun zurück zum Krimi. Ein guter Krimi soll spannend, unheimlich und abgründig sein. Wenn die Helligkeit in also größer ist als in Mitteleuropa, Dunkelheit aber unheimlich, wie können schwedische und isländische Krimis dann unheimlicher sein?

Wer schon einmal zur Winter- und zur Sommersonnenwende in Skandinavien war, weiß, daß dies gar kein Widerspruch ist. Denn es ist die permanente Helligkeit im Sommer, die Menschen in den Wahnsinn treibt. Sehr schön sieht man dies bei der in Norrland spielenden schwedischen Krimiserie Höök. Obwohl hier in keiner Folge irgendetwas passiert, laufen oder fahren die Figuren ständig im kalten Licht der Mitternachtshelligkeit herum. In Island tauchen die unheimlichen Erscheinungen auch nie aus der Dunkelheit auf, sondern in der hellen Nacht, wenn der Wind pfeift.

Im Winter sitzen die Menschen in Reykjavík und Stockholm alle zu Hause und sind eher depressiv als aggresiv. In Stockholm stellen die Stockholmer an Wintertagen gerne Fackeln und Kerzen auf den Gehwegen auf. In Reykjavik erwacht das Leben in der Innenstadt nicht vor zehn Uhr morgens und die Reykjaviker sitzen in den vielen Cafés am Laugarvegur.

Obwohl es zu Mittwinter in Stockholm nur zwei Stunden später dunkel wird als in München, ist die Auswirkung auf die Stimmung enorm, denn in Stockholm liegt der Einbruch der Dunkelheit weit vor dem Feierabend. Wenn in Deutschland im Winter zwischen vier und fünf Uhr dunkel wird, haben die Menschen das Gefühl, daß nun der Abend anbricht. Sie haben auch zur gleichen Zeit Feierabend. In Stockholm ist das nicht so. Wenn es um drei Uhr dunkel wird, liegt die größte Teil des Tages und zwei bis drei Stunden Arbeit noch vor den Menschen. So erklärt sich auch das zweitgrößte Talent der Stockholmer gleich nach dem Gesetzeverabschieden: das kunst- und geschmackvolle Beleuchten von Räumen und Gebäuden. Die Lampenabteilung von IKEA gibt einen kleinen Einblick.

Drei Beleuchtungsbeispiele:

Nordufer Södermalms und Katarinaberget hell erleuchtet

TT-Haus und Mosebacke mit Södra Teatern. Wenn um drei Uhr nachts alle schlafen, bleiben trotzdem alle Lichter eingeschaltet, denn falls jemand zufällig aufwacht, soll er einen schönen Anblick haben.
Bild vergrößern

Slussen hell erleuchtet

Slussen um 3 Uhr 30: Keine Menschenseele weit und breit. Aber die Lichter brennen.Bild vergrößern

Die alte Glühbirnenfabrik LUMA in Hammarby hell erleuchtet

Hammarbyhamn: Bau- und Werftarbeiter müssen ihre Kräne schön anstrahlen, bevor sie abends heimgehen, damit Abendspaziergänger sich an ihnen erfreuen können. Dahinter: die alte Glühbirnenfabrik LUMA.Bild vergrößern

In der Vorweihnachtszeit gibt es in Stockholm kein (kein!) Fenster ohne die typische Lichtertreppe (sieht aus wie eine Stufenpyramide mit einer Kerze auf jeder Stufe). Sogar die Büros der Säpo haben Lichtertreppen.

Deshalb haben die Schweden die höchsten Stromrechnungen der Welt. Viele Schweden lassen zuhause alle Lichter brennen, damit es gemütlicher wirkt, wenn man von der Arbeit heimkommt. Erst die drohende Klimakatastrophe und steigende Strompreise haben diese Sitte etwas eingedämmt. Aber nur ein bißchen.

Der klassische Mittsommermord

Weil die helle Nacht viel mehr gruselt als der finstere Tag, geschehen Morde in schwedischen Krimis so oft an Mittsommer (wie etwa Mittsommermord von Henning Mankell). Es ist also ein Zeichen von Unkenntnis, wenn ein Krimirezensent sich beklagt, daß die Verbrechen so oft genau an diesem folkloristischen Tag stattfinden müssen. Ich selbst würde allerdings nicht auf diesen Gedanken kommen, weil die Schweden diesen Tag so zwanghaft und stereotyp verbringen wie das Weihnachtsfest. Die Möglichkeiten, hier einen Krimi beginnen zu lassen, sind also sehr begrenzt.

Auf der anderen Seite ist Henning Mankell dafür verantwortlich, daß sich Außerschwedische Schweden als finsteren Ort vorstellen. Ebenso sein Werk ist es, daß Leser einen Kommissar, der nicht depressiv ist, als unrealistisch empfindet. Seit Mankell sind fast alle Kommissare in der Literatur wie Henning Mankell, so wie seit Rilke alle Liebesgedichte wie die von Rilke klingen.

Die Dunkelheit, mit der Mankell Schonen schildert, ist jedoch ein literarischer Kniff. Denn wie wir gesehen haben, ist Schonen ja gar nicht dunkler. Die Regel bei Mankell lautet: Schonen ist genau so dunkel wie der Kommissar depressiv ist. Schonen wird hier also als Innenleben von Kommissar Wallander beschrieben. Literarisch ist das wunderbar, daraus aber zu folgern, Schweden wäre ein dunkles Land, ist ein Trugschluß.

Links