Der kopflose Engel

Leseprobe

Formate:
eBook-Reader
PDF zum Ausdrucken

Stockholm · Walpurgisnacht

Balderelli rückte den Stuhl ans Fenster seiner Kammer. Das tat er je­den Abend, um et­was zu be­trach­ten, was es in seiner Hei­mat nicht gab. Er hat­te sich in dieses Licht ver­liebt, und weil er noch kein ganzes Jahr in Stock­holm ver­bracht hatte, gab es jeden Tag etwas Neues daran zu entdecken. Die Däm­me­rung zog sich dahin wie eine schüchterne Ro­man­ze.

Während die Dun­kel­heit längst über der italienische Botschaft lag, konnte Alberto Balde­relli von seinem Stuhl aus noch eine ganze Weile lang dem Tag jenseits des Hori­zonts hinterher­blicken. Von Nacht zu Nacht geriet die Sonne in immer größere Ver­wir­rung, und Alberto fie­ber­te dem Mitt­sommer ent­gegen, wenn sie ihm um Mitter­nacht hinter dem Haus auf‌lauern würde wie ein Zirkus­clown. In seinem Alter gab es sonst nichts mehr, dem er ent­gegen­fie­bern konnte.

Zu die­sem Er­eig­nis würde er sich Händel auflegen, eine von den deut­schen Arien, von denen es zu jeder Sehn­sucht eine pas­sende gab, gesungen von einer schwedi­schen So­pra­ni­stin, deren Namen Balde­relli immer mit Ingrid Berg­man durch­ein­ander­brachte. Das zit­tern­de Glänzen der spie­len­den Wel­len ver­sihil­bert das Ufer, bepeherlet den Strand!

Aber lange saß er heute Abend nicht.

Aus der Ferne näherte sich ein Fahrzeug. Sein Motor rasselte wie einst die Motoren in Bal­derel­lis Jugend. Dann erreichte der Wagen die Botschaft. Der Djurgårdsvägen endete hier und wand sich als Schlaufe um die Mauer des Grundstücks. Balderelli beug­te sich aus dem Fenster. Er hatte sich nicht ge­täuscht. So konnte nur ein alter Chevy rasseln. Der Fahrer nahm die Kurve mit so hoher Geschwin­dig­keit, dass die Reifen quiet­schten. Im Halb­dunkel konnte Balde­relli den Bei­fahrer er­ken­nen. Er saß auf der Fen­ster­kante, hielt eine Bier­dose in die Höh und hatte jetzt Mühe, der Flieh­kraft und seiner Trun­ken­heit zu trotzen.

Dann klirrte es. Es klang zart und fern und wäre im Quie­tschen der Reifen untergegangen, wenn Balderelli nicht schon darauf gewartet hätte. Er sprang von seinem Stuhl auf und fluchte lauter, als Reifen quietschen können.

Verdammte Bastarde!

Das Rasseln des Motors verklang in der Ferne und ließ Balde­relli in der ge­schän­deten Nacht allein zu­rück. Erst nach einigen Sekun­den wandte er sich vom Fenster ab. Der Stuhl war beim Auf­sprin­gen um­gekippt. Ohne weitere Flüche stellte er ihn wieder auf. Beinahe zärt­lich. Auf dem Weg hinab strich er mit der Hand über das Trep­pen­geländer. Diese Ba­star­de! Wenn er nur ge­wusst hätte, dass er hier seine Schrot­flinte brauch­te. Bei der Mut­ter­got­tes von San Michele, dann hätte er sie mitge­bracht!

Am anderen Ende der Straße feierten die Studenten im Skansen Wal­pur­gis­nacht. So hatte es ihm Carla erklärt. Sie war hier in der Bot­schaft die Proto­koll­chefin, warf ihren strengen Blick aber auch auf alles, was sich außerhalb des Proto­kolls ereig­nete. Da lag er in seinem Alter aller­dings immer schon im Bett. Von Carla wusste er, was Wal­purgis­nacht über­haupt war, und zwar ein wei­teres dieser heid­nischen Feste, die die Schwe­den be­gin­gen, sobald die Sonne in einer gewis­sen Posi­tion stand. Offenbar brauch­ten sie die Gestirne, um sich beim Nach­hausetorkeln zu orientieren.

Unten im Erdgeschoss war alles dunkel, nur aus dem Wach­zimmer neben dem Eingang flim­merte grünes Fern­seh­licht. Weil das Alter Alberto zu Ge­lenks­ent­zün­dun­gen ver­dammt hatte, ent­ging Lorenza und Romano sein Schlurfen nicht. Der Wachmann kauerte mitten im Zimmer auf seinem Dreh­stuhl und starrte auf das End­spiel. Das tat auch Lorenza. Obwohl sie ihre Füße auf Romanos Schreibtisch gelegt hatte und an einer Bier­flasche nippte, war sie lieb­licher als der Frühling in Cosenza. Die beiden saßen da wie ein Ehepaar am Beginn der Rou­tine­jahre, in Wahr­heit aber konnte nur der Dienst­plan die bei­den ver­einen. Wenn es kein Fußballspiel gab, blieb sie lieber drüben im Kon­sular­zim­mer und stem­pelte Visa und Erb­scheine. Romano hatte einen aus­laden­den Wach­männer­bauch, und das einzige, womit er die Auf­merk­sam­keit auf sich ziehen konnte, war seine Taschen­lampe. Lorenza drehte ihren Kopf als erste in den fin­steren Flur. Sie war die Hellere von beiden.

Alberto trat aus der Dunkelheit. Wer gewinnt?

Die Spanier, murmelte Romano.

Verdammte Bastarde, diese Spanier.

Lorenza lächelte. Willst du mitschauen?

Alberto schüttelte den Kopf. Ihn interessierten nicht einmal mehr Rad­ren­nen und Bun­te Abende mit blon­dierten Mode­rato­rinnen. Diese Bastarde von Schwe­den haben mir eine Schei­be ein­geschla­gen. Sind mit dem Wagen vorbei und haben eine Bier­dose über die Mauer geworfen.

Die rasen immer bis hierher und eiern um die Botschaft, sagte Romano. Dabei malte er den Verlauf der Straße mit dem Zeigefinger in die Luft, ohne den Ball auch nur für eine Sekun­de aus den Augen zu ver­lie­ren.

Balderelli stand ein Weilchen da, bis ihm wieder einfiel, wes­halb er her­unter­gekom­men war. Ich hole eine neue Scheibe aus dem Keller.

Jetzt noch?, fragte Lorenza und schwang ihre Beine vom Tisch.

Alberto nickte. Die Beete entwickelten sich besser, als er im Frühjahr er­war­tet hatte. Da wollte er sich nicht von einer kal­ten Mor­gen­stun­de einen Strich durch die Rech­nung machen lassen. Rosen­zucht war eine Sache der Dis­zi­plin. Das hatte sie mit der Diplo­matie ge­mein­sam.

Warte, sagte Lorenza. Ich komme mit.

Die grobe Holztür zur Kellertreppe hatte sich im Laufe der Jahre verzogen. Alberto drehte behutsam am Knauf, damit sie beim Auf­zie­hen nicht so knarr­te. So­gleich drang Kellerluft in die Nase des Mannes, der sein Leben lang nur feuchte Erde und Blüten gerochen hatte. Und manch­mal einen trocke­nen Chianti. Der Keller war vor einem Jahr­hun­dert in den Fels, auf dem die Bot­schafts­villa stand, gehauen worden. Den Wänden entlang der Stein­trep­pe wa­ren un­ver­putzt, und jeder der gro­ben Meißel­schläge würde bis zum jüngsten Tag gut zu sehen sein. Unten gliederten Ziegelwände das Gewölbe in sechs türlose Zellen. Eine davon hatte ihm Botschafter Maero für die Schei­ben seiner Gewächskästen zur Verfügung gestellt.

Er drehte am Licht­schal­ter und sah, dass nur noch acht Reserve­scheiben übrig waren. Lorenza blieb draußen im Flur stehen, weil sie nicht wagte, einen Fuß zwischen die Scheiben zu setzen. Sie waren aus dünnem Glas und lehnten an den Wänden.

Er begutachtete drei Exemplare und klemmte sich schließlich das schönste unter den Arm. So machten sie sich auf den Rück­weg. Als sie die Halle er­reich­ten, klin­gelte drüben in der Kanzlei das Telefon.

Einen Moment, flüsterte Lorenza und eilte hinüber. Die italienische Botschaft in Stockholm, hörte er sie in den Hörer sagen. Kon­sul­ar­not­dienst. Ja, da sind Sie richtig.

Alberto Balderelli wartete eine Minute mit der Scheibe unter dem Arm. Als sie sich in seine Handfläche zu schnei­den be­gann, seufzte er und machte sich allein auf den Weg, obwohl es ein wenig schade war, auf Lo­ren­za verzich­ten zu müssen, jetzt, wo er die Schön­heit einer Frau genießen konnte wie die einer Rose, ohne also beim An­blick in Fort­pflan­zungs­pläne ver­strickt zu wer­den.

Draußen im Garten spürte er die feuchte Kühle auf seinen Unteramen. Zum Glück hatte er nicht bis zum Mor­gen gewar­tet. Auch wenn in einer Stun­de der Mai anbrach, konnte sich in diesem bar­bari­schen Klima vor dem Mor­gen­grauen immer noch Frost auf die Triebe legen, und dann hätte er den gan­zen Som­mer über eine kahle Stelle in den Beeten.

Eine Steinmauer umgab das kreisrunde Gelände der Bot­schaft, dessen Fläche für einen Gärtner wie Alberto nicht zu verachten war, selbst wenn das Gebäude auf einem Felshügel lag. Alle dreißig Minuten hielt ein Bus, mit dem Alberto manch­mal in die Stadt fuhr. Meist sah er aber von seinem Fenster aus zu, wie eine Handvoll Fahrgäste an der Endhaltestelle auf der anderen Seite der Straße ausstiegen. Gewöhnlich wanderten sie von dort ins endlose Grün von Djurgården, nur wenige von ihnen kamen zur Botschaft herauf, um sich ihren verlorenen Pass ersetzen zu lassen.

An der Innenseite der Mauer entlang hatte er Rosen gepflanzt und die Triebe mit den Scheiben vor der Witterung geschützt. Alberto trippelte im Dunkeln an der Mauer entlang und spähte nach der zerbrochenen Scheibe und der Bierdose. Eigentlich hatte er die Einschlagstelle vom Fenster aus genau ausmachen können, doch nun fand er nichts als eine braune Schnecke, die auf einer der allesamt intakten Scheiben klebte. Alberto zog sie ab und warf sie über die Mauer. Mit gebeugten Knien schritt er seine Scheiben ab. Manchmal musste er mit der Hand darüber streichen, weil die Finsternis ihn trog.

Dann entdeckte er die Stelle. Der Kerl musste in weitem Bogen geworfen haben. Erst wollte er hineingreifen und sie herausnehmen. Aber das Loch war eng. Bei seinen zittrigen Händen sah er das Unheil schon auf sich zukommen und drehte lieber die vier Flügelschrauben auf, um die ganze Scheibe aus der Halterung zu ziehen. Er hielt sich gerade die Bierdose vor die Augen, um die Marke zu entziffern und zu verdammen, als es ein paar Schritte weiter im Gras raschelte. Alberto richtete seinen Blick in die Dun­kel­heit. Eine Gestalt löste sich daraus. Bildete er sich das ein? Nein, eine Gestalt, ganz in Weiß. Mut­ter­got­tes, wie ein Gespenst! Nein, viele Ge­spen­ster. Warum trugen sie weiße Nacht­hem­den? Dicht bei­ein­an­der, als wären sie ein einziger Körper, traten sie auf ihn zu. Ein Klirren durchbrach Albertos Starre. Er hatte die halbvolle Dose auf seine Ersatzscheibe fallen lassen.

Ein schwarzer Bart füllte das Gesicht des Vorder­sten. Die Ge­sichter der anderen blieben in Geheimnis gehüllt. Den Gedanken an irre Schweden, die ihm einen Schrecken einjagen wollten, gab er sofort wieder auf. Man drang nicht in eine Botschaft ein. Diese Mauer überwand niemand, ohne bemerkt zu werden.

Aber etwas anderes brachte Albertos Kiefer zum Klappern. Das war keine Verkleidung. In den Augen des Bärtigen konnte er es lesen, noch bevor der zu sprechen begann. Seine Stimme klang tief. So etwas Fremdes hatte Alberto nie gehört. Keine ihm bekannte Spra­che klang so. Die Worte droh­ten. Das begriff er, ohne etwas zu ver­ste­hen. Immer weiter mur­melte der Mann, während er seinen Blick von Alberto hob und zum brau­nen Him­mel hin­auf­sah. Dabei er­hob sich ein Raunen hinter ihm. Die Stimmen von einem Dutzend Männern begannen, die unheil­vollen Worte zu wieder­holen.

SSich am Leben berauschen, dachte Lovisa noch. Dann erbrach sie sich heftig in die Toilettenschüssel. Eine Weile verstrich, bis sie wieder richtig atmen konnte und das Gewirr aus Stimmen jenseits der Kabinentür zu ihrem Gehirn vordrang. Sie sah an sich hinunter. Auf den Kacheln unter ihren Knien war eine Pfütze, dessen Herkunft Lovisa ein Rätsel war. Sie verab­schiedete sich von ihrem Wunsch, sich ganz hinfallen zu lassen und für immer dazu­lie­gen. Statt dessen griff sie nach der Tür­klinke und zog sich hoch.

Ich muss schauen, dass ich nach Hause komme, fiel ihr ein. Wenn sie be­trun­ken war, husch­ten die Ge­dan­ken nur so vor­bei. Oder sie griff zu lang­sam nach ihnen, das kam ihr jetzt wahr­schein­licher vor.

Sie atmete durch. Nun ging es ihr besser, aber ihre Hose sah fürchter­lich aus. Von den Knien abwärts klebte der Stoff nass an ihren Beinen. Sie trat aus der Kabine und hatte Glück. Alle drei Wasch­becken waren frei. Dort schöpfte sie sich Was­ser ins Gesicht und spülte ihren Mund aus. Ihre Hose wollte sie trock­nen, indem sie eine ver­siegel­te Papierrolle am Stoff auf- und abrollte. Das saugte ein wenig von der Nässe auf, beseitigte aber nicht den Schmutz.

Die Toiletten lagen nah am Ausgang. Dennoch musste sie sich an den Schlangen der Hin­ein- und Hin­aus­gehen­den vor­bei­schie­ben und mit der stickigen Hitze kämpfen. Als sie end­lich das Freie er­reich­te, ging sie rasch weiter, um sich den Blicken der An­ste­hen­den zu ent­zie­hen. Draußen war es wärmer, als sie ge­hofft hatte. Immer­hin duftete die Nacht­luft nach Blüten und wirbelte in sanften Böen um ihren Kopf.

Sie folgte einfach der Straße, von der sie glaubte, dass es der Sveavägen war. Ein alter amerikanischer Straßenkreuzer in Beige zog hupend an ihr vorbei. Zwei Jungen hatten sich auf die Kanten der hinteren Fenster gesetzt und schwangen Hammarby-Fahnen.

Sie entdeckte den Eingang zur U-Bahn, hielt sich bei der Ein­gangstür am Metallrahmen fest und blickte die steile Treppe hinab. ›Rådmansgatan‹ stand dort riesengroß. Sie überlegte angestrengt, kam aber nicht darauf, ob das auf ihrer Linie lag. Während sie noch dastand, kamen zwei Frauen die Treppe herauf.

Ist alles in Ordnung mit dir?

Die beiden waren neben ihr stehengeblieben und musterten sie. Lovisa begriff erst mit einiger Verzögerung, dass die Frauen mir ihr sprachen. Sie nickte.

Du solltest nicht hineingehen, sagte die mit den blonden Strähnen. Unten ist alles voller Polizei.

Lovisa nickte ohne Unterbrechung weiter und erinnerte sich. Sie war ja mit dem Bus hergekommen, und wenn sie mit dem Bus herkommen konnte, dann konnte sie auch wieder damit zurückfahren. Sie wandte sich vom Eingang ab und blickte den Sveavägen entlang. Die Frauen waren weitergegangen und warteten jetzt vor der Ampel.

Ich muss den Zweier nehmen, sagte sie sich und streckte den Arm aus. Sie bemerkte, wie ernst ihr Zustand war, wenn sie schon für sich selbst den Arm ausstreckte und auf Dinge zeigte, die sie bereits sah. Sie steuerte auf die Kreuzung zu, die nur zwei­hun­dert Meter entfernt lag. Schon nach wenigen Schritten ging es ihr besser.

Auch mit dem Denken klappte es wieder ganz gut. Sie lief an dem vier­ecki­gen Bassin entlang, das zwischen der Han­dels­hoch­schule und der Bibliothek lag. Dort war eine Menge los. Einige hat­ten die Holzbänke in das Becken ver­frach­tet, um beim Sitzen mit den Füßen im Wasser plan­schen zu können. Drei Jungen waren mit dem Skate­board unter­wegs. An der Kreu­zung wim­mel­te es vor Menschen und vor dem Schnell­restau­rant waren alle Tische belegt. Lovisa warf einen Blick hinein zu den Kassen, aber dort reich­ten die Schlan­gen bei­nahe bis zur Tür. Sie erreichte die Straßenecke.

Im 7-Eleven schien es ruhiger zu sein, immerhin standen nicht mehr als fünf Men­schen an der Kasse. Die Wärme im Inneren war zu ertragen und auch der Geruch nach Essen. Sie durch­querte den Laden und nahm sich eine Fla­sche Ramlösa mit Zitro­nen­geschmack aus dem Kühlschrank. Auf dem Weg zur Kas­se ent­deckte sie eine Tüte mit Chips und griff danach. Beim War­ten klemm­te sie beides unter ihre Arme und fuhr mit den Händen in die Tasche ihrer Jeans. Geld hatte sie noch, sie spürte ein oder zwei Geld­scheine und eine klei­ne dicke Münze.

Die Schlange kam langsamer voran als erhofft. Lovisa lehnte sich gegen die Vitrine und sah den Würstchen darin beim Drehen zu. Die Frau vor ihr duftete gut, wie die Blüten an den Bäumen draußen. Lovisa betrachtete den Rücken der Frau und dann ihren Hintern. Sie trug einen Rock, der ihr bis zu den Kni­en reichte. Lovisas Blick wanderte wieder hinauf. Die Bluse war aus einem wun­der­schönen Stoff. Das Haar glitzerte schwarz. Bei jeder kleinen Bewegung wippte es als kom­pakte Masse hin und her. Erst als die Frau an die Reihe kam und sich zu dem indisch aus­sehen­den Jun­gen hinter der Kasse wandte, konnte Lovisa ihr Gesicht sehen und starrte sie un­ver­hoh­len an. Die Frau sagte etwas auf Englisch und erhielt kurz darauf einen Becher Kaffee.

Lovisa atmete auf, als sie endlich selbst an die Reihe kam und nicht mehr neben der Warm­halte­vitrine warten muss­te. Der Schwin­del kehrte zurück. Sie schaffte es bis zur Tür und dann bis zur Geh­steig­kante. Während sie auf grün wartete, ver­such­te sie, die Tüte auf­zu­reißen und ließ sie dabei fallen. Sie bück­te sich und verlor das Gleich­gewicht.

Are you all right?

Schon wieder die Frau. Sie hatte sich über Lovisa gebeugt, die zwischen den Stoßstangen zweier geparkter Autos auf dem Hin­tern gelandet war. Lovisa nickte und deutete zur Bushaltestelle in der Odengatan. Die Frau erwiderte etwas, doch davon ver­stand Lovisa nur das Wort ›Taxi‹. Ein Taxi wäre nicht schlecht, dachte sie. Die Frau packte sie unter den Achseln und half ihr, sich auf die Kühlerhaube des Autos zu setzen. Die Übelkeit kehrte zurück, und das Bild der Frau ver­schwamm. Lovisa schloss die Augen und kämpfte gegen den Sog. Lustigerweise verstummten sogleich alle Geräusche um sie. Ein harter Stoß holte sie aus tiefer Versenkung. Sie blinzelte und spürte, dass sie auf dem Boden lag. Geschrei umgab sie, das von allen Seiten zu kommen schien. Neben ihr quietschten Reifen. Sie riss die Augen auf, um etwas zu erkennen, aber sie sah nur die Stoßstange eines Autos und blendende Scheinwerfer. Die Frau war verschwunden.

LAuf die Türen aufpassen!« schallte es durch die U-Bahn-Station Odenplan. Die Türen schließen sich!

Während der tiefe Warnton erklang, zwängte sich Polizei­assistentin The­re­sa Ju­lan­der mit ihrem Kollegen Hampus durch den Türspalt. The­re­sa begann sogleich, durch den Wagon zu laufen.

Die drei Jungen hatten sich am anderen Ende des Abteils auf den Sitzen niedergelassen. Es dauerte nicht lange, bis einer von ihnen The­re­sa in ihrer Uniform entdeckte und aufsprang. Doch die Tür ließ sich nicht mehr öffnen. Der Junge trat dagegen, bis der Zug ruckelnd anfuhr. The­re­sa grinste breit und packte ihn am Arm. Hampus kam ihr zur Hilfe.

Aus den Augenwinkeln bekam sie mit, dass sich die beiden anderen nicht von ihren Plätzen rührten. Die drei mussten alle schon acht­zehn oder zwan­zig sein, sahen türkisch aus und wohnten bestimmt südlich vom Gull­mars­plan. Wo alle wohnten, die zwan­zig waren und türkisch aus­sahen. The­re­sa bog dem Jungen den Arm hinter den Rücken und drückte seine Brust gegen die Trenn­schei­be. Ham­pus rief mit dem Funkgerät Verstärkung herbei.

Eine Anwohnerin hatte angerufen, weil ein Betrunkener die Upp­lands­gatan entlanglief und bei jedem geparkten Auto den Außenspiegel abtrat. Nach jedem dritten Spiegel brüllte er laut ›Verdammte Hure‹, und zwar so laut, dass acht Anrufe bei der Zentrale eingingen. Alle Anrufer beschrieben den Betrun­kenen als weiß gekleidet mit zwei Be­glei­tern im Schlepp­tau. Seit einer Stunde war ihnen die Polizei von ganz Vasastan auf den Fersen, und jetzt mussten die drei aus­gerech­net der Polizei­assi­sten­tin The­re­sa Ju­lan­der in ihre offenen Arme fahren, nur wenige Se­kunden, nachdem sie über Funk den Be­fehl be­kom­men hatte, mit der U-Bahn zum Sankt Eriks­plan zu fah­ren, um sich an der Suche zu be­tei­li­gen.

Sie blickte an dem Kerl hinab und schnaubte. Bestimmt hatte er die Spie­gel ab­ge­tre­ten. Er war von Hals bis Fuß in Weiß ge­kleidet. Wie ge­schmack­los, dachte sie.

Und wenn The­re­sa Ju­lan­der sich etwas dachte, dann sagte sie es auch.

Der Junge erwiderte ihre Offenheit, indem er sie eine ver­dammte schwe­di­sche Poli­zi­sten­hure nannte. Dabei schien er gar nicht zu bemerken, dass er dieselbe Beleidigung, die zuvor ein Dutzend Anwohner der Upp­lands­gatan gehört hatten, soeben wieder­holte hatte. Vielleicht war es ihm auch egal, denn als The­re­sa die Unter­haltung noch einmal anfächelte, damit er die Be­schimp­fung laut genug wieder­holte, brachte ihr das einen strengen De­eskala­tions­blick von ihrem Kol­legen Ham­pus ein. The­re­sa seufzte. Ham­pus war völlig unbelastet von jedem krimina­listischen Talent und würde sein Leben bei der Schutz­polizei ver­brin­gen, wo er für Deeska­lation sorgen konnte. Die Be­woh­ner der Upp­lands­gatan konn­ten die weiße Kleidung und die Beschimp­fung bezeu­gen, und das­selbe konn­ten nun auch alle Fahrgäste in diesem Abteil. Bei so gut doku­mentier­tem Täterwissen half später alles Leug­nen nicht. Und er würde leugnen, er war ein Jammer­lappen.

Ich würde später lieber nicht leugnen, du Jammerlappen, flüsterte sie ihm ins Ohr.

Der Festgenommene versuchte, um sich zu schlagen.

Beruhig dich endlich!, rief einer der beiden Freunde des Jun­gen un­erwar­tet.

Nächste Rådmansgatan, fuhr die Laut­spre­cher­stimme dazwischen. Der Zug bremste. The­re­sa sah durch das Fen­ster Roffe und Pelle schon am Bahn­steig auf sie war­ten.

Alles klar. Wir fünf steigen hier aus!

Anscheinend hatte Roffe sie schon beim Einfahren des Zuges ausgemacht, denn als sich die Türen öffneten, standen er und Pel­le zum Emp­fang bereit.

Roffe war Ende vierzig und dick, aber Pelle war dicker. Da sie seit fünfzehn Jahren zusammenarbeiteten, hätten sie ja eigent­lich gleichdick sein müssen, überlegte The­re­sa. Immerhin konn­ten sie mit ihrer Statur den gan­zen Bahn­steig ohne zusätzliche Verstärkung abrie­geln. Pelle wollte wis­sen, wer von den dreien in der Upp­lands­gatan die Spie­gel ab­getre­ten hatte. Inzwi­schen hatte man dort zu zählen begon­nen und war bei drei­und­zwan­zig Spie­geln an­ge­kom­men.

Unter hunderttausend Kronen kommt ihr da nicht weg, fand Roffe. Ohne die Geldbuße.

Kommt aufs Fahrzeug an, präzisierte Pelle und machte Meldung ins Funkgerät.

The­re­sa zog ihren Schreibblock aus der Brust­tasche. Wie heißt du?, wollte sie von dem wissen, der sie für eine schwe­dische Hure hielt.

Kenan.

Pelle sammelte die Ausweise der drei ein und maulte, weil Kenan, der Barbar, nur seinen Führerschein dabeihatte. Bist du Schwede?

Ja. Ja!

Das Geräusch schneller Schritte hinter ihrem Rücken ließ The­re­sa her­um­fah­ren, doch einer der beiden Kom­pli­zen hatte es be­reits bis zur Roll­trep­pe ge­schafft, ohne dass The­re­sas Kolle­gen etwas unter­nahmen.

Ich hole ihn, sagte sie zu Roffe.

Roffe antwortete mit einem Nicken.

Halt, warte, rief Kenan. Er hat nichts damit zu tun. Ich war’s.

The­re­sa überlegte einen Wim­pern­schlag lang, bevor sie sich fürs Hier­blei­ben ent­schied und sich dem ande­ren Jungen zu­wand­te. Sei­nem Aus­weis nach hieß er Samir Massoud und war Syrer. The­re­sa gab seine Per­sonen­num­mer an die Zentrale durch.

Ein schriller Pfiff hallte durch die niedrige Bahnsteighalle. Alle blickten zur Rolltreppe. Dort stand der dritte Mann und fuchtelte mit den Armen wie eine französische Austauschschülerin beim Tanzen.

Bleib hier, riet Pelle. Ist ein Trick.

The­re­sa glaubte nicht daran. Der Junge war seiner Mimik nach eher ein Spaßvogel gewesen, und jetzt stand Entsetzen in seinem Gesicht, das konnte sie bis hierhin erkennen. Er drehte sich um und rannte wieder hinauf.

Diesmal folgte sie ihm. Als sie die Treppe erreichte, nahm sie zwei Stufen auf einmal und wurde dabei immer langsamer. Sie hatte viele Talente, aber Laufen gehörte nicht dazu. Im Zwi­schen­geschoß war kein Mensch zu sehen. Sie sprang über die Fahr­karten­sperre und verschaffte sich eilig einen Über­blick über die Schilder, bevor sie sich für den lin­ken Aufgang zur Handels­hoch­schule ent­schied.

Oben war der Junge einige Meter neben dem Aus­gang stehen­geblieben und richtete den Blick auf einen Punkt in der Ferne. Als sie die letzte Stufe erreichte, ahnte sie, was das In­ter­esse des Jungen auf sich zog. Etwas stimm­te nicht. Auf dem breiten Svea­vägen waren kreuz und quer Autos mit ein­geschal­teten Schein­werfern ab­gestellt. Menschen stan­den da und starrten auf den­selben Punkt wie der Junge. Von der nahen Kreu­zung strömten immer mehr Men­schen herbei.

Eine ist überfahren worden, murmelte der Junge. Sein Akzent war schwächer, als sie erwartet hatte. Sieht nicht gut aus für sie.

The­re­sa kniff die Augen zusammen, um in dem Gewimmel ein Zentrum zu entdecken. Hast du den Unfall gesehen?

Ein schwarzer Jeep. Er kam von dort, von der anderen Seite der Kreu­zung. Hat sie da vorne erwischt. Sie ist bis dort geflo­gen.

Zwischen den beiden Punkten mussten dreißig Meter liegen. The­re­sa konnte kaum glauben, dass ein Körper so weit flog. Was ist mit dem Jeep?

Ist weitergefahren. Hat nicht mal gebremst.

Sie überlegte, ob sie die anderen herbeiholen sollte, nahm dann aber lieber ihr Funkgerät und erstattete Meldung. Der Junge lief auf einmal los, hin zu der Stelle, wo die Men­schen mitten auf der Straße einen Zu­schauer­ring bil­de­ten. Die Zen­trale ant­wor­tete, dass bereits An­rufe ein­gegan­gen waren und der Not­arzt jeden Augen­blick eintreffen musste. The­re­sa starrte auf die Men­schen. Das Funk­gerät knisterte. Sie bekam den Befehl mit, zur Unfallstelle zu gehen, um Zustand und Identität des Opfers festzustellen.

Sie gehorchte. Erst ging sie langsam, dann wurden ihre Schrit­te schneller. Sie drängelte sich zwischen den Leuten hindurch, die in einem Abstand von zwei bis drei Metern um den Körper herum standen. Nur ein älterer Mann kniete bei dem Körper, der wegen der langen dunk­len Haare und dem Rock leicht als Frau zu erkennen war. Die Frau lag mit geöff­ne­ten Augen auf dem Rücken und blickte in die Sterne. The­re­sa kniete sich neben den Kopf. Aus dem Funkgerät ertönte die Meldung, dass der schwar­ze Jeep mit hoher Geschwindigkeit auf Höhe der Kungsgatan gesichtet worden war.

Wir müssen sie auf die Seite drehen, sagte The­re­sa.

Der Mann hielt das Handgelenk der Frau, um den Puls zu fühlen. Er hatte eine Vollglatze und trug keine Jacke. Wahr­scheinlich war er nach dem Unfall aus einem der Autos ge­sprungen, die jetzt mit offenen Türen mitten auf der Straße standen.

Sie ist tot, sagte er und legte die Hand der Frau auf den Asphalt zurück.

The­re­sa hörte Sirenen. Zwei Männer in gelben Jacken fielen neben ihr auf die Knie und öffneten einen Koffer.

Öffne die Kleidung, schnell!, sagte einer der beiden.

The­re­sa begann, die Bluse aufzuknöpfen, als sie etwas an ihrem Rücken spürte. Sie warf einen Blick über die Schulter und entdeckte den Jungen ganz dicht hinter sich.

Geh weg!, brüllte sie. Dazu trat sie mit einem Fuß nach hinten aus und erwischte ihn am Schien­bein. Als Antwort erhielt sie einen Tritt in den Hin­tern. Sie sprang auf, trat nach ihm und brüllte etwas. Dann kniete sie sich wieder hin.

The­re­sa riss die letzten Knöpfe der Bluse auf, obwohl sie sich sicher war, dass in dem Körper kein Leben mehr steckte. Der Notarzt zog etwas Blaues unter dem Bund des Rockes hervor und wusste dann nicht, wohin damit, bis The­re­sa danach schnappte. Sie hatte es erst für ein Porte­monnaie oder eine Mappe gehalten, aber nun sah sie, dass es ein in der Mitte ge­knick­tes Kuvert aus Kunst­stoff war. Als der Arzt die Elek­tro­den an­setzte, stopfte sie es in das Revers ihrer Uni­form. Der leblose Körper sprang auf und ab. Der Arzt stemm­te seine Hand­flächen auf den Brust­korb und rich­tete sich auf. Die Frau war sehr schön, fuhr es ihr durch den Kopf.

Nach zwei weiteren Versuchen gab der Arzt auf. Zugleich strömten Poli­zisten auf die Straße und trieben die Menschen von der Stelle weg. The­re­sas Funkgerät knack­te und riss sie aus ihrer Versenkung. Sie rap­pelte sich auf und drückte die Sprech­taste. Die Zentrale verlangte wieder nach der Iden­tität. Sie musste sich erneut hin­knien und in den Rock­taschen der Toten suchen. Durch den dünnen Stoff spürte sie die Körperwärme. Ein Polizist, den The­re­sa nicht kannte, er­schien und zog die beiden Ärzte mit sich.

Sie fand vier Hundertkronenscheine, einen Fünfziger und mehre­re Mün­zen. Das war alles. Also nahm sie das Kuvert aus ihrer Jacke und drehte es hin und her.

Sie hat nur Bargeld und ein Kuvert bei sich. Das Wappen der Vereinten Nationen ist darauf. Darunter steht wälis diploma­… Erst nach der fünf­ten Silbe ging ihr auf, dass sie es gar nicht mit Englisch sondern Französisch zu tun hatte. Es heißt Valise di­ploma­ti­que. Ne pas ouvrir. À renvoyer à …

Es verstrichen einige Sekunden, bis die Frau am anderen Ende der Leitung merkte, dass The­re­sa nichts mehr zu sagen hatte. Und weiter? Wohin soll man es denn schicken?

Mehr steht da nicht. Darunter ist ein Klarsichtfach. Aber das ist leer.

Die Stimme aus dem Funkgerät schwieg eine Weile. Offenbar wusste sie auch nicht weiter. Steht der Name eines Landes darauf? Oder ein Wappen?

The­re­sa drehte und wendete das Kuvert. Es hatte die Größe eines A5-Blattes. Das Material fühlte sich wie Kunststoff an. Die Lasche war mit einem Klebe­strei­fen versiegelt, unter dem sich deut­lich ein Metalldraht abzeichnete.

Nein. Nur das der UN.

Du musst bei der Frau nach einem Zettel suchen, der aus dem Sicht­fen­ster ge­rutscht sein kann.

The­re­sa wühlte in den Taschen, hob den Bund des Rockes und blätterte zuletzt noch einmal die Geld­scheine durch. Nichts.

Ist der Verschluß intakt?

Ich glaube schon, ja.

Einen Moment, bitte … Du darfst es auf keinen Fall öffnen.

Ich bin ja nicht blöd.

Wir sind gleich zurück.

Zwei Polizisten breiteten eine Decke über die Tote. Ratlos drehte sich The­re­sa um ihre Achse und versuchte, einen Über­blick zu gewinnen. Von Roffe und Pelle war keine Spur zu sehen. Das Interesse der Menschen und der mei­sten Poli­zis­ten hatte sich nun zum Ham­bur­ger­laden und vor allem zum Seven-Eleven an der Straßen­ecke ver­lagert. The­re­sa ging zöger­lich darauf zu. Auch oben bei der Bi­blio­thek schien noch etwas los zu sein. Sie sah auf die Uhr. Vor einigen Minuten war der Juni an­gebro­chen.

Eine starke Böe kam wie aus dem Nichts und wirbelte die abgefalle­nen Kirsch­blütenblätter im Rinnstein auf. Über dem Observatoriumshügel hinter dem Park ertönte ein tiefes Grollen. The­re­sa legte den Kopf in den Nacken und sah schwarze Wolken über den Himmel ziehen.

Zwei Polizisten stürzten aus dem Seven-Eleven. Sie eilten zu einem schwe­ren Kerl, der an­schei­nend das Kommando hatte. The­re­sa steu­erte auf die Grup­pe zu.

The­re­sa Ju­lan­der, Norrmalm. Was ist da drin los?

Es gibt noch ein zweites Unfallopfer, sagte der Dicke. Ein junges Mäd­chen. Sie wurde am Arm verletzt, aber vor allem scheint sie betrunken zu sein.

Wie heißt sie?

Der junge Polizist reichte ihr einen Ausweis. Das Mädchen war vierzehn Jahre alt und hieß Lovisa Sjölin.

Wisst ihr schon, wie es passiert ist?, fragte The­re­sa.

Die Männer schüttelten den Kopf.

Auf einmal entdeckte sie den Jungen wieder, der ihr vorhin auf dem Bahn­steig ent­kom­men war und sie dann zur Un­fall­stelle gelockt hatte. Er kam mit einem Poli­zisten vom Park her auf sie zu.

Uns haben einige Augenzeugen angesprochen, sagte der Polizist, der noch recht jung war und unter seiner Polizei­mütze eine rasierte Glatze trug. Anscheinend ist jemand direkt nach dem Unfall zur Frau gerannt und hat etwas in ihrer Tasche gesucht. Das soll ein Mann mit dunklen Haaren gewesen sein.

Der dicke Einsatzleiter sah sich ratlos um, mit der legendären Trägheit eines Stockholmer Polizisten bei einem Großeinsatz.

Er hat den Unfallwagen davonfahren sehen, fuhr der Polizist fort und deutete auf den Jungen.

Wie heißt du eigentlich?, fragte The­re­sa.

Fayid.

Was hast du gesehen?

Als ich oben ankam, sah ich die Frau auf der Straße liegen, und bin dann wieder zum Bahnsteig runtergerannt, um euch zu holen.

Der glatzköpfige Polizist nickte. Da war der Mann ver­schwunden, aber wir haben ein Pärchen und zwei junge Mäd­chen, die unabhängig voneinander einen Mann bei der Frau gesehen haben wollen, und zwar unmittelbar nach dem Aufprall.

Ich mache Meldung. The­re­sa hielt sich das Funk­gerät ans Ohr und ent­fern­te sich einige Schrit­te von den ande­ren. Zwi­schen den par­ken­den Autos war es etwas ruhiger.

Wir schicken jemanden von der Reichs­kriminal­poli­zei vorbei und die Techniker, sagte die Frau von der Zentrale, nachdem sie The­re­sas Mel­dung auf­genom­men hatte. Ihr müsst auf das Kuvert aufpassen und die Zeugen sichern. Wer hat bei euch das Kommando?

The­re­sa Ju­lan­der schielte zu der ein­samen gol­denen Krone auf ihrer Schul­ter und dann zu dem Dicken hinüber. Ich. Ich habe hier das Sagen.

Kjell Ce­der­ström, Chef der Reichsmordkommis­sion, kurbelte die Scheibe herunter und streckte den Kopf aus dem Fenster. Also, hier hast du genug Platz.

Behutsam lenkte Hen­ning den Lastwagen von der breiten Olof Palmes Gatan in die Drottninggatan. Zwei Steinlöwen flankierten die Einfahrt als Zeichen dafür, dass Autos von hier an verboten waren. Nachdem Hen­ning die Löwen unbeschadet hinter sich gelassen hatte, ließ er den Wagen an den dunklen Fassaden der Läden vorbeischleichen, um nicht eines der weit in die Straße hineinragenden Ladenschilder abzureißen.

Bei ihrer letzten Fuhre im Frühling hatten sie kapitulieren müssen, denn der Weihnachtsschmuck wurde in der Drott­ning­gatan wirklich nur während der drei heißesten Som­mer­mona­te abgenom­men, um ihr nicht die Gemütlich­keit zu rauben. Damals brauch­ten sie eine ganze halbe Stunde, um die ab­geris­sene Glühbir­nen­gir­lande wieder vom Führerhaus des Wagens zu wickeln. Hier im Nord­teil der Straße gab es sieben Anti­quari­ate, einige Cafés und Spei­se­lokale, das alte Cen­tral­bad, ein Fach­geschäft für Buddha­kitsch und einen Laden mit billigen Gürteln und Hand­taschen.

Die Enge sorgte für ein mittelalterliches Miteinander zwischen den La­den­besit­zern und der Weihnachtsschmuck das ganze Jahr über für gute Umsätze. Als sie Idas Laden erreich­ten, waren alle Lichter im Inne­ren erloschen, nur der gelbe Schim­mer aus dem Hinter­zimmer verriet, dass noch jemand da war.

Hen­ning fuhr weiter, bis sich die Straße nach zwan­zig Me­tern zu einem klei­nen Platz wei­tete und er in zwei Zügen wen­den konnte. Mit etwas mehr Schwung fuhr er zum Laden zurück und schal­tete den Motor aus. Kurz nach­dem die Hydrau­lik­brem­sen gezischt hat­ten, gin­gen im Laden die Lich­ter an. Ida er­schien an der Tür und sperrte auf. Wenn sie geschla­fen hatte, machte sie immer ein ernstes Gesicht.

Kjell entschuldigte sich für die enorme Verspätung. Wir haben ewig mit den Leuten Kaffee trin­ken müs­sen, bis sie zu­ge­stimmt haben. Und dann muss­ten wir auf der Küstenstraße zweimal an­hal­ten und warten, bis das Gewit­ter weiter­gezogen war. Hier ist das Gewit­ter noch gar nicht gewesen, sagte Ida und gähnte.

Dann erleben wir dasselbe Gewitter also dreimal, brummte Hen­ning und betätigte den Hebel. Die Rampe senkte sich sum­mend herab.

Obwohl es im Laderaum kein Licht gab, leuchteten Idas Augen auf einmal hellwach. Ist es schwer?

Leichter, als es aussieht, antwortete Hen­ning und klet­ter­te auf die Ram­pe.

Linda ist auch da. Sie will helfen.

Hallo Papa! Linda kam aus dem Laden geeilt und kletterte zu Hen­ning auf die Rampe. Seit dem Abi­tur half Linda mit Be­geisterung im Laden mit und suchte überall nach Ver­ant­wor­tung, die sich nach späte­stens zwei Stunden in Luft auflöste.

Hen­ning griff unter das lange Sofa und zog es bis zur Kante. Dort über­nahm Kjell. Mit weni­gen Hand­grif­fen hatten sie es auf dem Geh­weg ab­gesetzt. Ida wollte an Ort und Stelle probe­sitzen und wippte so begeistert, dass die al­ten Polster­federn quietsch­ten. Bei einer Reise ins Ausland hatte sie sich in die Idee verliebt, dass man in einer Buch­hand­lung auch sitzen konnte. Die ande­ren Händler in der Straße standen der Idee einer Sitz­gelegen­heit in einer Buch­hand­lung kritisch gegenüber. Es gab Buchgeschäfte und es gab Cafés. Beides zusam­men war unmora­lisch. Was hatte Ida Florén in ihrem Anti­quari­at als nächstes vor? Im Aus­land sei Sitzen nicht unmora­lisch, hatte Ida un­beschwert ent­gegnet und war seitdem trotz ihres licht­blonden Haars das schwarze Schaf unter den Stock­holmer Anti­quaren. Auch Kjell war von Idas Ein­fall nicht begei­stert. Seit sie den Laden übernommen hatte, ent­wickel­te er sich zu einem Aus­flugs­ziel. Frauen kamen gar nicht mehr, dafür aber Männer, um Ida bei einem zweistündigen Gespräch über Immanuel Kant schöne Augen zu machen.

Der Laden muss eben laufen, behauptete Ida. Das Sofa von Strind­berg rundet mein Geschäftsmodell ab.

Echt?, rief Linda. Das ist das Sofa von Strindberg? Auf dem er mit all den Frauen saß? Oder lag?

Ida nickte entschieden. Sie stammte aus einem uppländischen Orga­ni­sten­haus­halt und hatte sich drei­stes Lü­gen mit acht Jah­ren selbst bei­gebracht.

Linda bekam einen Klaps von ihrem Vater. Damit wollte sie ihr Vater zu mehr Wachsamkeit und Skepsis konditionieren.

Dass sie sich davon getrennt hat!, jubelte Ida und nahm die beiden Sessel in Augen­schein. Das helle Holz war poliert und ohne Makel, die Bezüge mitt­som­mer­wie­sen­grün.

Leicht war es nicht, erwiderte Kjell. Sie hat die Sachen sehr geliebt.

Hen­ning brummte. Sie hat das Geld noch ein wenig mehr geliebt, da kannst du sicher sein.

Kjell und Hen­ning hatten nur eine Kanne Kaffee und einen ganzen Möh­ren­kuchen lang gebraucht, um der alten Lina aus Lud­vika zu ver­sichern, dass den Sitzmöbeln eine erhabene Zu­kunft in Strind­bergs Lieb­lings­buch­hand­lung bevor­stehe. Auch hier war Strindberg wieder eine glatte Lüge. Die einzige Ver­bin­dung zu ihm war seine ehe­malige Woh­nung vier Häuser weiter, und Strind­berg war höch­stens mal mit seinem gela­denen Re­vol­ver an die­sem Ge­schäft vorbei­geschli­chen.

Aus dem italienischen Restaurant gegenüber kam Franco herbeigeeilt und stemmte seine niedrige Schulter unter das Sofa, das jetzt auf halber Strecke durch die Tür klemmte. Obwohl er rasch ins Keuchen kam, lobte er das gute Stück, bis es an seinem vor­bestimm­ten Platz stand. Seit Ida ihr Geschäft vor vier Mona­ten über­nommen hatte, kam Franco sogar mehr­mals am Tag her­über­ge­eilt, man konnte bei­nahe von einem neuen Sinn im Leben des Italie­ners sprechen. Den Rest des Tages lehnte er in der offenen Tür seines Restau­rants und schaute herüber. Sobald Ida einmal aufschaute, winkte er. Kjell hoffte, dass bald der Win­ter kam.

Warum man nicht auf eine Pizza und einen Wein zu ihm herüberkomme? Kjell, Hen­ning und Ida verständigten sich mit Blicken, bevor sie nickten. Alle hat­ten Hun­ger, und das Pizza­backen war immer­hin Fran­cos zweit­größte Lei­den­schaft. Ich bringe lieber erst den Wagen zur Auto­ver­mie­tung zurück, sagte Hen­ning. Den kann ich hier nicht stehenlassen.

Dann komme ich mit, rief Linda vom Hinterzim­mer aus. Cissi wollte später vor­bei­kom­men.

Wollt ihr ausgehen?, fragte Kjell.

Nein, wir müssen die Reise vorbereiten.

Linda würde in den nächsten Tagen mit einigen ihrer ehe­maligen Klas­sen­kame­radin­nen in den Schären herum­segeln und polierte daher seit einer Wo­che das Boot. Das war Kjell immer noch lieber als eine Flug­reise zu einer San­gria­hölle am Mit­tel­meer. Sie würden drei­zehn Mädchen in fünf Booten sein.

Kjell trug die beiden Sessel herein. Als er wieder auf die Straße trat, hatte der Wagen bereits die beiden Löwen erreicht. Er sah Hen­ning auf dem Tritt­brett neben der Fahrer­tür stehen und An­wei­sun­gen erteilen. Kjell stellte sich mit­ten auf die Straße und verfolgte, wie seine Toch­ter den Last­wagen in aller Seelen­ruhe durch das Hindernis hin­durch­manövrierte und nach rechts abbog. Beim Führen von Fahr­zeugen suchte seine Tochter stets nach neuen Hori­zon­ten.

Auf einmal bremste der Lkw, und die Bremslichter leuchteten die ganze Drott­ning­gatan rot aus. Ein schwar­zer Wagen schoss von links auf der Olof Palmes Gatan heran, bremste hef­tig vor Linda, umfuhr das Führer­haus des Last­wagens und gab dann Voll­gas. Hen­ning sprang vom Tritt­brett, brüllte hin­ter­her und lief hinüber zur Bei­fahrer­tür. Linda fuhr an, der Lkw ver­schwand um die Ecke.

Top