Der Name der Dunkelheit

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Stockholm · Weihnachtsabend

Die schmalen Augen von Suu­n­aat Kjær­gaard waren für diese blen­den­de Dun­kel­heit ge­schaf­fen. Als die Sonne um halb drei unter­ging, hatte sie zufällig am Fen­ster ge­stan­den und bemerkt, wie sich am nördlichen Hori­zont ein hel­ler Streifen abzeichnete. Für Suu­n­aat Kjær­gaard, die an der Westküste Grönlands geboren und von dort zu einer lebens­langen Reise auf­gebro­chen war, hatte nicht der gering­ste Zwei­fel daran bestanden, daß der nahende Schnee wild war.

Sie blinzelte und klopfte sich das glitzernde Pulver von der Brust. End­lich hatte der Anblick grauer Sträucher ein Ende. Wochen­lang hatte die Land­schaft vor Kälte ge­starrt und auf den Schnee ge­war­tet wie eine leere Bühne auf den ersten Auf­tritt.

Böen griffen von allen Seiten an und brachten ihren Körper ins Wan­ken. Der Ein­bruch des Win­ters war wie ein Besuch aus der Heimat. Der Wind jaul­te in ihrer Mutter­sprache.

Sie stapfte los. Der Schnee reichte ihr bis zu den Knien, war we­gen des Win­des jedoch nicht über­all gleich­tief. Sie kannte das Strandbad vom Sommer und wußte, daß die Badewiese dreißig Schritte weit in sanften Stufen abfiel und kurz vor dem Ufer in Sand überging. Suu­n­aat verlangsamte ihre Schritte. Die Wasser­linie war nur noch ein gefährlich unklarer Schimmer. Sie hörte be­reits das Schwappen, sah jedoch die Bäume nicht, die verein­zelt am Wasser standen.

Zwei Schritte weiter zeichneten sich die schwar­zen Stämme ab. Die Bäume trogen. Ihre Stämme rag­ten krumm über das Wasser hinaus, das da­zwi­schen kleine Buch­ten aus­gespült hatte. Suu­n­aat schlug eine andere Rich­tung ein und bewegte sich ent­lang des unsicht­baren Was­sers. Der Wind schlug ihr ent­ge­gen.

Vor jedem Schritt prüfte sie den Untergrund mit der Fuß­spitze, deshalb bemerkte sie den weißlackierten Mast mit dem Ret­tungs­ring erst, als sie mit dem Kopf dagegenstieß. Das Sig­nalrot war so verblaßt, daß die gesamte Vor­rich­tung im Gestö­ber unsicht­bar wurde. Nebel verhüllte den Fjord. Von Kungs­holmen am ande­ren Ufer er­kannte sie nur die drei Hoch­häuser von Marie­berg. Sie fun­kel­ten wie Kri­stal­le.

Suu­n­aat erreichte die Stelle. Zuerst erkannte sie die blauen Streifen des Sonnenschirms. Er widerstand den Böen mit er­staunlichem Starrsinn. Der Saum des Stoffs flatterte im Wind. Obwohl die Stange tief im Boden steckte, drohte der Schirm durch die Last des Schnees zur Seite zu kippen.

Der Liegestuhl darunter war aus massivem Holz, die Lehne aufgestellt. Suu­n­aat mußte sich unter den Schirm ducken und hinknien, um das Gesicht der Frau betrach­ten zu können. Unter dem Schutz des Schirms lag ein so fei­ner Schlei­er aus Schnee auf ihren Wan­gen und der Stirn, daß Suu­n­aat glaub­te, einzelne Kri­stalle erken­nen zu können. Obwohl die Lider ge­schlos­sen wa­ren, woll­te sie der Frau nicht den Blick auf den Fjord ver­sper­ren und kroch auf den Knien zur Seite. Sie stellte die Tasche in den Schnee und streifte sich ihre Fäustlinge ab.

Als erste Maßnahme öffnete Suu­n­aat den Mund der Frau, legte Zeige- und Mit­tel­fin­ger auf die Zunge der Frau und ver­such­te, die Kör­per­tem­pera­tur zu schätzen. Ir­ri­tiert zog sie ihre Finger bald wieder heraus. Sie hatte dort einen Anflug von Wärme erwartet.

Suu­n­aat wechselte von der linken auf die rechte Seite des Stuhls, um den Wind im Rücken zu haben. Die Schein­werfer des Polizei­wagens oben am Beginn der Wiese waren als dif­fuser Kreis zu sehen. Eigent­lich soll­ten sie die Stelle markie­ren und aus­leuch­ten.

Suu­n­aat öffnete ihre Tasche. Der Schnee war trocken und ließ sich mit dem Notizbuch vom Körper der Frau wedeln. In dieser Lage konnte sie nur eines tun. Sie griff nach dem Stechthermo­meter und stieß es der Frau in den Bauch. In dreißig Sekunden würde es piepsen.

Für eine Rechtsmedizinerin war die Weihnachtszeit eine erfüllte Zeit. Da Suu­n­aat völlig ver­ein­samt lebte, hatte sie den Weih­nachts­abend und die Feier­tage in der Ab­ge­schi­den­heit des rechts­medi­zini­schen Insti­tuts ver­brin­gen wol­len. Mit Menschen sprach sie meist erst nach deren Tod. Wenn man bedach­te, daß die Stock­holmer in jedem Winkel ihres Lebens recht zu haben glaubten, dann sahen sie nach ihrem letzten Atem­zug erstaun­lich nach­denk­lich aus.

Während die letzten Sekunden der Messung verstrichen, glaubte Suu­n­aat in der unmittelbar neben ihr beginnenden Ferne ein Harmonium zu hören, aber da es auf Långholmen weit und breit keine bewohnten Häuser gab, schrieb sie den Klang einer Schiffssirene zu.

Sie fror nicht. Der Speck, der sie sonst vor der Kälte des Lebens schützte, schützte sie jetzt vor der Kälte des Winters.

Die Polizistinnen Annika und Britt saßen da und glotz­ten. Maria 13 parkte mit ein­geschal­teten Schein­wer­fern ober­halb des Strand­bads von Lång­hol­men. Die Wischer quiet­schten über die Scheibe, doch sobald Annika Holm­qvist den Hebel auf Inter­vall stellte, bewältig­ten sie den Schnee nicht mehr.

Dieser Schneesturm hatte mit nichts Ähnlichkeit, was Annika in den vier­und­drei­ßig Jahren ihres Lebens erlebt hatte. Obwohl er erst seit einer Stunde wütete, mitten durch die Bescherungs­zeit. Wie viele Men­schen er nach der Messe wohl in der Kirche gefangen­hielt? Der Wind war so heftig, daß sie es längst auf­gegeben hatte, die Höhe des gefal­lenen Schnees zu schätzen, aber bereits auf der Fahrt hierher waren sie kaum voran­gekom­men. Annika hatte den Wagen nah am Hang geparkt. Die Frage, wie sie später un­beschadet wenden und es bis zur Brücke schaffen sollte, saß als flaues Gefühl in ihrem Bauch.

Britt seufzte auf dem Beifahrersitz und wischte zum achten Mal mit ihrem benutzten Taschentuch über die beschlagene Seitenscheibe. Alle haben sich weiße Weihnachten ge­wünscht.

Wie in einer antiken Tragödie, sagte Annika. Jemand wünscht sich etwas Wunder­bares, und wenn er es bekommt, ist es ganz und gar schreck­lich. Sie zog ener­gisch am Hebel; die Wischer ver­doppel­ten ihre Fre­quenz, und die Scheibe war für einen Augen­blick klar. Da! Sie kommt zurück.

Die Eskimofrau trat ins Scheinwerferlicht. Ihr Körper wa­ckelte wie bei einem Pinguin, fiel Annika auf, aber vielleicht war das die beste Art, durch hohen Schnee zu stapfen.

Die Rechtsmedizinerin öffnete die Tür, hievte ihre Tasche auf den Sitz und klopfte sich den Schnee von den Stiefeln.

Annika schaltete das Gebläse ab, damit sie besser sprechen konnten. Doch die sonderbare Frau auf der Rückbank schwieg und machte sich minutenlang Notizen. Es sah aus, als löste sie Rechen­aufgaben.

Ist sie tot? Inzwischen waren Annika Zweifel gekommen, ob sie nicht zu voreilig gewesen war. Nach dem Einsatzbefehl wa­ren sie selbst zum Ufer hinabgestiegen. Weil sie in Zentral-Söder Dienst taten und in ihrer Zeit als Strei­fen­poli­zistin­nen zwölf, an Unterkühlung gestor­bene Ob­dach­lose ge­fun­den hat­ten, hatten sie unten am Ufer nicht lange herum­dis­ku­tiert. Nur der Um­stand, daß die Tote keine Ob­dach­lose war, irri­tier­te sie.

Die Eskimofrau nickte nur. Ein Nachbar hat sie gefunden? fragte sie schließlich.

Esbjörn Fors, las Britt von einem der Zettel ab, die sie nach jeder Meldung ans Armaturenbrett klemmte.

Wo gibt es hier Nachbarn? Die Rechtsmedizinerin sprach in eigen­arti­gem Ton­fall.

Hinter dem Wagen lag das alte Gefängnis, in dem heute ein Hotel war, aber sonst gab es weit und breit nur Bäume und vereinzelte Holzhäuser, in denen im Winter niemand lebte.

Es ist komplizierter, setzte Britt an. Er ist Pensionär und wohnt jen­seits des Ka­nals in der Berg­sunds­gatan. Er kommt dreimal am Tag mit seinem Hund herüber nach Lång­holmen, wobei er anschei­nend immer die ganze Insel um­run­det. Der Ein­satz­zen­tra­le hat er die Sache so be­schrie­ben: Heute morgen war der Strand men­schen­leer und von der Frau angeb­lich nichts zu sehen. Bei seiner Nach­mit­tags­runde saß die Frau dann da, als er herkam. Am Ende seiner Runde saß sie immer noch unverän­dert an der­sel­ben Stelle. In­zwi­schen hatte es zu schneien begon­nen.

Die Rechtsmedizinerin betrachtete Britt schweigend über den Rückspiegel.

Britt fuhr fort. Er war in Eile, weil er zur Bescherung bei seiner Schwester in Upplands-Väsby wollte. Unterwegs im Auto fiel ihm dann auf, daß die Ge­stalt sich über­haupt nicht gerührt hatte zwischen den beiden Malen, wo er sie sah. Und da rief er zur Sicherheit an.

Einem Anruf dieser Art wurde am Weih­nachts­abend nicht gerade mit der höchsten Priorität nachgegangen. Das war allen im Wagen klar.

Jetzt ist er in Upplands-Väsby, folgerte die Ärztin.

Annika registrierte eine leichte Verärgerung in der Stimme. Das ließ sich bei ihrem mechanischen Tonfall nicht leicht her­aushören. Vielleicht war es auch Sarkasmus. Er hat um 16 Uhr 04 angerufen, sagte sie. Nicht mehr als eine Viertelstunde war vergangen, seit er hier am Strand war. Genauer wissen wir es nicht.

Um die Mittagszeit war er auch hier, behauptet er? Wann war das?

Das weiß er nicht genau. Die Sonne stand jedoch schon tief hinter den Baumwipfeln, gab er an. Gegen drei vielleicht.

Jetzt ist es 17 Uhr 29, sagte die Ärztin. Der Temperaturausgleich ist abgeschlossen.

Annika und Britt drehten sich zugleich zur Rückbank um.

Sprichst du von der Leiche? fragte Britt.

Ihre Kerntemperatur liegt bei null Grad.

Geht das so schnell?

Suu­n­aat schüttelte den Kopf.

Lilly Ce­der­ström saß auf dem Sofa und preßte den riesigen Telefonhörer an ihr Ohr. Nach dem dreißigsten Tuten wartete sie mit derselben Spannung wie beim ersten darauf, daß sich ihre ältere Schwester Linda in der Ferne meldete.

Kjell nahm seiner Tochter den Hörer aus der Hand und legte auf. Da müssen wir es wohl morgen noch einmal versuchen, sagte er und seufzte.

Kleine Lilly seufzte ebenfalls. Sie seufzte immer mit, wenn ihr Vater seufzte.

Das Familienglück der Ce­der­ströms würde also an diesem Weih­nachts­abend nicht gänzlich voll­kommen wer­den, dachte Kjell und sah den­selben Gedanken in den hell­blauen Au­gen seiner Freun­din Ida, die stets eine leichte Un­sicher­heit an den Tag legte, wenn es um ihn und Linda ging, die aus seiner ersten Ehe mit Made­leine stammte. Nach Made­leines Tod hatte er jahre­lang allein mit Linda gelebt und war nicht auf die Idee ge­kommen, daß noch je­mand zu seinem Glück fehlen könnte. Bis Ida, die zehn Jahre jünger als er war, in sein Leben trat.

Klein-Lilly war rechtzeitig zur Welt gekommen, bevor Linda endgültig in dieselbe hinaus­geschrit­ten war, um die Malerei zu studieren. Es sei gut für eine junge Malerin, während der ersten Hälfte ihres Studiums in Europa her­um­zuvaga­bun­die­ren. Das hatte sie behaup­tet und so ent­schlos­sen drein­ge­blickt, daß ihm nur die Einwil­ligung geblie­ben war. Ein halbes Jahr später hatte Ida ihn beim Abtrock­nen des Geschirrs ermahnt, seinen Gram end­lich abzu­legen. Nicht einmal verprellte Geliebte kamen zu­rück, und erwachsene Töchter schon gar nicht. Zumal er selbst seinem Vater einst erklärt hatte, sein Leben ergebe nur in Paris einen Sinn. Natürlich hatte er nicht Malerei studiert, sondern klas­sische Lite­ratur an der Sor­bonne. Um dann Kriminalkom­missar in Stockholm zu werden.

Die vergangenen Monate hatte er jedoch nicht im Büro ver­bracht, sondern unten am Steg vor dem Haus. Dort hatte es Kleine Lilly in Windeseile zur Mei­ster­schaft im Enten­anlocken gebracht, während Ida mehr oder minder frei­willig vier Monate nach Lillys Geburt zu ihrem Antiquariat in der Drott­ning­gatan zurückgekehrt war. Daneben war sie noch an der Uni­versi­tät und der Wissen­schafts­akademie angestellt. Doch weil die Gesell­schaft unfähig war, sich Idas Cha­rak­ter an­zupas­sen, war der Kontakt lose. Ida gab das hie­sige Fach­journal für Mathe­matik heraus und ver­brach­te die meiste Zeit damit, in ihrem Buch­laden zu sitzen, ein­gereich­te Bei­träge zu be­gut­achten und hitzige Tele­fonate mit den Autoren der Beiträge zu führen. Inzwischen hatte sich in der Welt der Mathe­matik herum­gespro­chen, daß eine Veröffentlichung im Schwe­dischen Journal für reine Mathe­matik einem Nobelpreis im Telefo­nieren gleichkam.

Da stimmt etwas nicht, zischte Kjell in Idas Richtung, damit Lilly nichts mitbekam.

Bestimmt ist sie bei einer Weihnachtsfeier, sagte Ida. Ist doch klar, daß sie heute abend nicht allein in einem Zimmer im Studentenwohnheim sitzt und glotzt.

Da stimmt etwas nicht, wiederholte Kjell und versuchte, seine Kie­fer­mus­keln zu entspannen. Sie hätte angerufen.

Er mußte unbedingt etwas unternehmen, aber da Linda in Wien lebte, war er machtlos.

Ida hob die Schultern. Kjell hatte Linda nach dem Tod seiner ersten Frau alleine großgezogen, und Ida hatte sich daran ge­wöhnt, daß Bande zwischen ihnen bestanden, die nicht ab­rissen, egal wie alt und erwachsen Linda auch wurde, und die anderen Menschen zuweilen sonderlich vorkamen.

Kjell nahm Lilly in den Arm und deutete zum Fenster, um sie von der Ent­täu­schung abzulenken, die vielmehr seine war. Er öffnete die Balkon­tür und trat ins Freie. Der Sturm hatte so plötzlich aufgehört, wie er begon­nen hatte. Nur der Schnee fiel un­ver­min­dert weiter. Sieh mal, flüsterte er ver­schwö­re­risch. Die ganze Welt ist ver­schwun­den.

Kleine Lilly hatte in ihrem kurzen Leben noch keinen Schnee gesehen. Der Steg vor dem Haus, ihr zweites Kinderzimmer, war ebenso verschwunden wie die Straße mit den parkenden Autos. Zwei Nachbarn traten gleichzeitig aus dem Haus und winkten einander mit ihren Schnee­schau­feln zu. Lilly war noch in einem Alter, wo man schwieg, wenn man keine Erklärung für etwas hatte.

Morgen können wir runtergehen und im Schnee spielen.

Lilly erkannte mit einiger Verzögerung, welche Möglich­keiten die Ver­wand­lung der Welt ihrem Taten­drang eröffnete, und lächelte. Gemeinsam betrach­teten sie die vorbeischwe­benden Flocken, bis das Telefon klingelte.

Jetzt ruft sie an, flüsterte Kjell.

Er hörte Ida ins Telefon sprechen. Sie verstummte und er­schien hinter ihnen in der Balkontür. Per Arrelöv ist für dich am Apparat.

Per? Was wollte er? Ihm frohe Weihnachten wünschen? Kjell fuhr herum und tauschte Lilly gegen das Telefon ein.

Hoffentlich nichts Dienstliches, sagte Ida.

Kjell schüttelte den Kopf. Der Kriminaltechniker rief niemals den Kommissar an. Außerdem dauerte Kjells einjähriger Erzie­hungsurlaub noch acht Tage. Per? Frohe Weihnachten!

Ce­der­ström? Gott sei Dank. Frohe Weihnachten.

Pers Stimme klang weniger schroff als sonst. Es ist hoffent­lich nichts Dienstliches? fragte Kjell darum zur Sicherheit.

Kann man nicht sagen. Pers Stimme klang gar nicht freundlicher, sie klang bloß erschöpft. Du hast doch ein Boot, Ce­der­ström, oder?

Ein Segelboot.

Nein, ein kleines Ruderboot hast du auch.

Ein Kajak. Kjell beugte sich über die Brüstung, damit er wieder den Steg unten vor dem Haus sehen konnte. Das Kajak schimmerte blaßrot in dem Gestell, in dem auch die Boote der Nach­barn ein­gewin­tert waren. Im vergan­ge­nen Som­mer war er nur zwei­mal damit ge­fah­ren und erwog des­halb, es ge­gen ein offe­nes Kanu einzu­tau­schen. Dann könnten er und Lilly im kom­men­den Sommer damit Aben­teuer erleben.

Hör mal, Ce­der­ström! Wir sind ganz in deiner Nähe. Långhol­mens Strand­bad.

Kjell hob den Blick. Bei diesem Schneefall verlor sich die Sicht nach dreißig Metern, bei besserer Witterung reichte sie weit über die Nach­bar­insel Lång­hol­men hinaus, über den Fjord bis zum Stadthaus.

Wir haben hier eine Selbstmörderin, sagte Per.

Kjell war verwundert, daß der Leiter der Kriminaltechnik sich überhaupt an ihn erinnern konnte. Er war immerhin ein ganzes Jahr lang zu Hause ge­blie­ben, bis auf wenige Ab­stecher ins Polizeigebäude, wo er Per nie begeg­net war. Und Per Arrelöv war bekannt dafür, eine halbe Stunde nach Feierabend frei von jeder Erinnerung zu sein. Du solltest lieber jemand aus Kungs­hol­men anfor­dern, sagte Kjell deshalb.

Sie sitzt in einem Liegestuhl so dämlich vor dem Wasser, daß wir sie nur von hinten foto­gra­fie­ren können.

Per brauchte also gar nicht ihn, erkannte Kjell. Er brauchte das Boot. Wir?

Ich und meine Leute. Die Speckrobbe war zuerst da.

Suu­n­aat? Verdammt, Per, das klingt nach einer Schnaps­idee. Du glaubst doch wohl nicht, daß ich das Kajak durch den tiefen Schnee zu euch hin­über­schlep­pe! Sie sitzt in einem Stuhl?

Ein Liegestuhl, ja.

Könnt ihr den nicht fünf Meter landeinwärts tragen? Sonst bist du auch nicht pingelig.

Zu viele Leute von der Schutzpolizei hier. Der Bericht ist auch schon fer­tig. Wenn die Revision sieht, daß wir bei den Fotos ge­schlampt haben, und dann das heu­tige Datum liest, bekom­me ich wieder Ärger. Das war zum letz­ten Mal im Som­mer der Fall ge­wesen, als der Re­visi­on auffiel, daß die an­geb­lichen Ver­kehrs­staus, mit denen die Tech­niker ihre stunden­lange Verspätung erklärten, immer genau dann auf­getreten waren, wenn im Fernsehen ein Euro­pa­mei­ster­schafts­spiel lief. Bedachte man das Ab­schnei­den der schwe­dischen Mann­schaft, hatte sich die Ab­mah­nung nicht gelohnt, fand Per im Nach­hin­ein. Kannst du nicht zu uns pad­deln? Da bist du doch im Nu da.

Weiße Wolken stiegen aus Kjells Nase. Woher willst du wissen, daß der Wind nicht wieder aufzieht?

Das behauptet jedenfalls die Speckrobbe. Von solchen Sachen hat sie eine Menge Ahnung. Per verstummte. Jetzt wartete er auf eine Antwort.

Er war Per ziemlich viele Gefälligkeiten schuldig, erinnerte sich Kjell. Die konnte er jetzt mit einem Schlag zurückzahlen. Ich schaue, was sich machen läßt, sagte er und legte auf.

Ida würde ihn auslachen, aber andererseits hatte sie großes Verständnis für jede Form von selbstzerstörerischem Wahnsinn.

Du bist völlig verrückt, sagte sie jedoch, während er vor den offenen Türen des Klei­der­schranks stand und einen ver­zwei­fel­ten Blick auf seine Win­ter­klei­dung warf.

Lilly begann, auf Idas Arm zu zappeln. Ganz ruhig, Papa geht nur ein bißchen Boot fahren, flüsterte Ida. Am besten nimmst du deine Skisachen. Die machen sich jetzt richtig bezahlt! Außer­dem brauchst du eine Badehaube. Falls du eine Eskimorolle machen möchtest.

Zum Glück war es Zeit für Ida, Lilly ins Bett zu bringen. So konnte er sich in Ruhe einkleiden.

Eine Viertelstunde später trat er aus dem Haus. Die Nachbarn mit ihren Schneeschaufeln waren wieder im Haus verschwun­den, so daß er mit dem langen Paddel nicht wie ein Idiot zurück­winken mußte. Seine Hände steckten in dicken Hand­schuhen, und er hatte einige Mühe, den winzigen Schlüssel nicht fallen­zulassen. Den benötigte er für das Vorhängeschloß, mit dem das Boot an den Steg gekettet war.

Zu seinem Erstaunen war es windstill. Als er jedoch auf dem schwim­men­den Steg wankte, streifte eine Bö seine Wange und trieb ihm Schnee­kristalle in die Augen. Kjell erwog noch ein­mal, das Kajak lieber auf dem Landweg hin­über­zu­tragen, aber über die beiden Brücken war es ein langer Umweg. Selbst wenn er das Boot an einer Schnur hinter sich herzog, würde er nach einer Ewigkeit völlig erschöpft ankommen.

Das Schloß ließ sich leicht öffnen, aber als er an der Kette zog, fiel sie scheppernd auf den Steg. Er fegte den Schnee vom Kajak und hob es aus dem Ständer. Vielleicht lag es an seinem Wider­willen, daß es sich viel schwerer anfühlte als im Sommer.

Im ersten Stock des Hauses wurde ein Fenster aufgerissen. Die al­te Jans­son steck­te ihren Kopf heraus. Wo willst du denn hin? rief sie auf­ge­bracht. Auf sie war immer Ver­laß.

Das ist ein freies Land! ächzte er und zwängte seine Beine ins Boot. Und jeder darf während eines verschneiten Weih­nachtsabends dorthin rudern, wohin es ihm passe, fügte er flüsternd hinzu. Er wollte sich in nichts ver­wickeln lassen. Frohe Weih­nach­ten noch! rief er und drückte sich ab.

Das Boot glitt ins schwarze Wasser. Unter den Blicken der alten Jansson trieb er einige Sekunden lang be­wegungs­los dahin. Noch immer plagte ihn die Sorge, das Boot könnte ein Leck haben. Nach dem zweiten Paddel­schlag kam er sich lächerlich vor und warf einen Blick zurück zum Haus. Im sechs­ten Stock hatte es sich Ida am of­fe­nen Küchen­fen­ster be­quem ge­macht. Sie wink­te, als sie entdeckte, daß er zu ihr hoch­sah.

Er legte sich in die Riemen und kam schnell voran. Seine Befürchtung, er würde binnen einer Minute zu frieren be­ginnen, bestätigte sich nicht. Nach­dem er in die Dunkel­heit des Kanals zwischen Rei­mers­holme und Långholmen ein­getaucht war, ver­rin­ger­te er seine Geschwin­dig­keit. Der Schnee schweb­te in win­zigen Kri­stal­len vom Himmel. Zwi­schen den Pad­del­schlägen hörte er sie auf der Oberfläche des Was­sers kni­stern.

Die längliche kleine Insel Långholmen lag nördlich der kugel­run­den klei­nen In­sel Rei­mers­holme, und der Kanal da­zwi­schen maß nur zehn Meter in der Breite. Per befand sich jedoch am ent­gegen­gesetzten Nord­ufer, in zwei­hun­dert Metern Ent­fer­nung von Kjells Haus. An diese zweihundert Meter Luftlinie hatte Per wohl gedacht, als er seinen wahn­sin­nigen Plan ersann. Auf dem Wasser­weg mußte Kjell aller­dings zuerst das halbe Südufer ent­lang­rudern, die Westspitze umrun­den und dann die­sel­be Strecke am Nord­ufer zurücklegen. Dadurch verlängerte sich die Ent­fer­nung um das Fünf­fache.

An der Westspitze schlug ihm steifer Wind vom Fjord ent­gegen, der sich nach der Wende allerdings als hilf­reich erwies. Auf der West­brücke, die den Fjord in riesigem Bogen über­spann­te, war der Ver­kehr bis auf zwei Schnee­pflüge, die mit gel­ben Schein­wer­fern von den bei­den En­den der Brücke auf­einan­der zu­steuer­ten, zum Er­lie­gen ge­kom­men.

Endlich lichteten sich die Bäume. Das Ufer öffnete sich zu einer Bucht. Der Sandstrand war nicht einmal fünfzig Meter breit und lag in der Nacht sonst verlassen und un­beleuch­tet da. Nun wa­ren die Bäume gei­ster­haft be­schie­nen. Kjell hatte die mobi­len Strah­ler erwar­tet, mit denen die Kri­minal­tech­niker einen Tat­ort gewöhnlich wie ein Sta­dion aus­leuch­teten. Hier mußten sie sich wegen der Wit­te­rung mit weniger zufrieden­geben. Ober­halb der Wiese park­ten drei Autos mit eingeschal­teten Schein­wer­fern, und unten stan­den Tech­ni­ker um die Stelle und hielten wie kleine, zit­tern­de Frei­heits­statuen Hand­lam­pen in die Höhe.

Niemand am Ufer entdeckte das rote Kajak. Das Geschehen am Strand war so unwirklich, daß Kjell das Rudern vergaß und lautlos dahintrieb.

Der Sonnenschirm stand gleich bei dem schräg wachsenden Baum, an dem Kjell im Sommer manchmal seine Badehose zum Trocknen aufhängte. Dar­un­ter saß eine Frau in einem Lie­ge­stuhl. Aus der Ferne sah es aus, als blickte sie zu ihm. Der Wind hatte einen Wall aus Schnee um den Liege­stuhl geweht. Die Stelle sah noch un­ange­tas­tet aus, aber im nahen Um­kreis kämpften die Tech­niker mit Schau­feln gegen das Wetter. Wäh­rend einer den Schnee weghob, suchte ein anderer den Boden mit einer Taschen­lampe nach Gegenständen ab.

Ein solches Durcheinander hatte Kjell bisher nur in seinem Kellerabteil und nach einem Flug­zeug­absturz gese­hen. Mit­ten in dieser weiträumigen Sze­ne leuch­tete Pers rote Nase. Offen­bar hatte sich Kjell soeben aus der Dun­kel­heit gelöst, denn Per trat win­kend ans Ufer. Es tut mir leid, aber du siehst ja selbst, wie es hier aussieht!

Entschuldigungen waren eine seltene Geste an ihm, die nicht durch Schuld­gefühle ausgelöst wur­den, son­dern immer dann auf­tra­ten, wenn ihn die Lage auf­rieb. Er beugte sich über das Was­ser und zog das Boot an Land. Tu­re hat es mit den lan­gen Gummi­stie­feln ver­sucht, sagte er und öffnete die Foto­tasche. Aber der Grund ist so glatt, daß Ture sich nach zwei Schrit­ten rein­gelegt hat. Das war der Moment gewesen, wo Per an Kjell Ce­der­ström gedacht hatte. Jetzt sitzt er nackt im Tran­sit und läßt sich vom Gebläse aufwärmen.

Was ist mit der Frau? fragte Kjell.

Hat sich hier ein schönes Plätzchen gesucht, zum Sterben. Per schnief­te, so laut es ging. Das war selbst bei bes­serem Wet­ter seine höchste Form der Anteil­nahme. Sieht jeden­falls so aus. Suu­n­aat sitzt auch im Tran­sit und macht einen Schnell­test des Blutes.

Wo ist die Mordkommission? fragte Kjell. Außer zwei Strei­fen­poli­zistin­nen waren niemand von der Polizei zu sehen.

Sie haben uns soeben mitgeteilt, daß sie es nicht schaf­fen wer­den. An­geb­lich ist in der Stadt die Hölle los. Slus­sen und die Brücke sind ohne­hin ge­sperrt. Per hängte den Foto­apparat mit der Umhänge­schnur an die Schnee­schaufel und reichte sie über das Wasser zu Kjell. Du weißt ja, welche Bilder wir brauchen.

Kjell hängte sich den schweren Apparat um den Hals. Per stieß mit dem Fuß gegen die Spitze des Kajaks. Nachdem Kjell wieder einige Meter aufs Wasser hinaus­getrieben war, begann er zu foto­grafieren. Der Drei­fach­blitz zerstörte das selt­same Idyll am Ufer.

Wir sind bereit, Chef! rief Lasse nach einer Weile. Der schlaksige Kerl war seit Jahren Pers linke Hand und würde es auch immer bleiben. Obwohl die Männer vermummt waren, konnte Kjell jeden an seinen Bewegungen identi­fizie­ren.

Die Leute von der Tatorttechnik versammelten sich um die Tote und verharrten. Vor dem Anheben der Leiche sprachen sie gemeinsam ein kurzes Gebet. Das taten sie immer, und außer den Todes­ermitt­lern wußte nicht einmal der liebe Gott davon.

Ich weiß, daß mein Erlöser lebt, hörte Kjell Pers Stimme dumpf durch das Knistern der Schneeflocken hindurch. Am Ende aller Tage wird er mich auferwecken von der Erde.

Die Männer deuteten ein Nicken an. Dann grif­fen Per und Lasse unter die Schultern der Frau. Janne packte die Füße. Sie hoben den Körper aus dem Liege­stuhl und betteten ihn auf die Bahre. Lasse rutschte aus und schlit­terte ein Stück auf dem Bauch die schräge Wiese hinab. Ein jämmer­liches Schau­spiel, für das der große Drama­turg im Himmel stets den lin­ki­schen Lasse auserkor. Kjell hörte ihn fluchen, während er zurück zur Bahre krabbelte.

Kjell kratzte sich an der Schläfe. Seine Mütze juckte unent­wegt. Er hatte erwar­tet, daß der tote Körper in seiner Sitz­posi­tion erstarrt war, aber augen­fällig war das nicht der Fall. Als die Männer die Bah­re anhoben, lag die Lei­che aus­gestreckt darauf.

Der Liegestuhl war jetzt leer. Die Frau hatte noch sehr jung ausgesehen. Als Chef der Reichs­mord­kommis­sion, der obersten Instanz der schwedischen Todesermittler, hatte Kjell nie mit Selbstmördern zu tun, deswegen wunderte er sich, daß sie einen Liegestuhl aus mas­sivem Holz hier­her­geschleppt hatte. Und dazu noch der Sonnenschirm. Er erweckte den Eindruck, als hätte sich die Frau über sich selbst lustig machen wollen. Kjell machte weitere Bilder, während die Männer oben am Hang vor den offenen Flügeltüren des Tran­sits standen. Sie beabsich­tig­ten, den Leichnam damit zur Rechts­medizin zu brin­gen, was streng ver­boten war.

Plötzlich tauchte Ida neben dem Wagen auf. Sie be­ob­ach­tete das Trei­ben im Fond und wirkte mit ihrem hellen Haar wie eine Schneekönigin. Auch Per bemerkte sie sogleich.

Und was ist mit Lilly? rief Kjell von seinem Platz im Boot aus, als alle wieder unten beim Schirm standen und Ida den Kaffee ausschenkte, den sie mitgebracht hatte.

Sie ist eingeschlafen.

Und wenn sie aufwacht?

Ida streckte den Arm in die Höhe. In ihrer Hand erkannte Kjell das rosa­far­be­ne Baby­phon. Lilly wacht nie auf, das weißt du. Sie trat vorsichtig ans Ufer. Jetzt pas­sie­ren die Morde schon vor unse­rer Haustür, damit du deinen Er­zie­hungs­urlaub nicht so lange unter­bre­chen mußt.

Es war Selbstmord, Ida. Das siehst du doch!

Frierst du?

Das tat er, aber die Antwort wurde von Suu­n­aat Kjær­gaard durchkreuzt. Sie kam den Hang herab­gestapft und postierte sich neben Ida am Ufer. Alko­hol und Ben­zo­dia­zepin.

Also ein klassischer schwedischer Selbstmord, murmelte Per, der ge­ra­de im Liege­stuhl probe­saß.

Was ist daran klassisch? fragte Ida.

Per sah erstaunt auf. Rohypnol und ein malerisches Ambien­te. So sind sie alle, unsere Selbstmorde.

Siebzig Prozent, sagte Suu­n­aat in ihrem etwas robo­ter­haf­ten Tonfall, womit sie andeu­ten wollte, daß die anderen dreißig Pro­zent der Selbst­mör­der beim Sterben auf Be­hag­lich­keit ver­zichteten. Ich schicke dir den Bericht ins Büro.

Weil das Boot nah am Ufer zu sehr schau­kelte, hatte sich Kjell zurück aufs Wasser trei­ben las­sen. Ich leiste hier nur Nach­bar­schafts­hilfe. Be­ruf­lich ha­be ich nichts mit der Sache zu tun.

Ida hob beipflichtend den Daumen. Morgen früh stand ein Besuch bei Idas El­tern in Upp­sala an.

Kannst du uns wenigstens den Bericht abzeichnen? wollte Per wissen. Die Lokale steckt irgendwo in Norr­malm. Wir sind auf Platz sieben in der Warteliste. So lange will ich nicht …

Ida kreischte. Kjell! Paß auf! Hinter dir!

Er riß den Kopf herum. Zwei Meter hinter ihm quollen weiße Blasen aus der Schwärze des Wassers an die Ober­fläche. Was war das? Die Bla­sen wuch­sen zu einer Fontäne von einem hal­ben Meter Höhe, die jedoch bald er­starb. Kjell starrte reg­los auf die Stelle. Dann begann das Kajak zu schau­keln. Ida kreisch­te wieder, und auch die ande­ren stan­den am Ufer und blick­ten entsetzt herüber. Das Schau­keln wurde hef­ti­ger und fühlte sich an wie die Bug­wel­len einer vorbei­fahrenden Fähre. Aber hier gab es keine Fähren.

Er sah sich um. Die Wellen waren kon­zen­trisch. Und Kjell Ce­der­ström befand sich im Zentrum. Er stieß das Pad­del ins Was­ser und zog es durch. Hinter ihm toste es. Etwas Großes und Schwarzes stieg an die Wasser­ober­fläche. Und schwamm. Kjell starrte auf das rie­sige schwar­ze Ding, das einen Meter neben ihm im Was­ser trieb. Das war eine Ku­gel. Er sah die Hälfte einer schwar­zen Kugel. Sie war riesig.

Was ist das? rief jemand am Strand.

Kjell achtete nicht auf die Frage. Er paddelte wild zum Ufer. Kurz davor riß er das Boot her­um und fi­xier­te den Punkt mit den Augen. Aus die­ser Ent­fer­nung hob sich die Kugel kaum vom schwar­zen Wasser ab.

Es sieht wie eine Boje aus, hörte er Suu­n­aats tiefe Stimme sagen.

Was soll denn das für eine Boje sein? erwiderte Per. Sie ist aus dem Wasser aufgetaucht. Verdammte Scheiße!

Das konnte man wirklich sagen. Wenn Ida nicht gekreischt hätte, wäre die Boje unter dem Kajak hochgekommen. Kjell schlug das Herz bis zum Hals.

Sollen wir dir aus dem Wasser helfen? fragte Ida.

Kjell schüttelte mechanisch den Kopf.

Willst du hin und es dir anschauen?

Kjell schüttelte immer noch den Kopf. Da würde er nie und nim­mer hin­rudern. Er würde überhaupt nie mehr rudern.

Minuten verstrichen, ohne daß jemand etwas tat oder sagte. Aus der Ferne näherte sich ein Boot. Es schien aus Kungs­holmen am anderen Ufer zu kom­men und fuhr mit hoher Ge­schwin­dig­keit.

Niemand sagte etwas, bis das Boot sich auf dreißig Meter genähert hatte. Kjell ließ sich mit zwei Paddel­strichen hin­aus aufs Wasser treiben. Zwei Schein­wer­fer er­strahl­ten und suchten das Wasser ab. Kjell hielt sich die Hand als Blend­schutz vor die Augen, als beide Schein­wer­fer auf ihm stehen­bleiben.

Wer bist du denn? rief eine Megaphonstimme.

Polizei! brüllte Kjell.

Die Antwort war ein mehrstimmiges Kichern. Weitere Lichter wurden ein­geschal­tet und er­hell­ten das Boot, das von beacht­licher Größe war. Der Schiffs­motor ver­stumm­te. Dafür gab ein Kran­gewin­de am Heck quiet­schende Geräusche von sich.

Kjell erwiderte die Frage und ruderte zum Schiff.

Wir sind vom Wetteramt, sagte ein Mann, der sich über die Reling zu Kjell herabbeugte und sehr verwundert aussah. Wir bergen das Auge.

Was für ein Auge denn?

Na, das da.

Die Kugel? Ist das eine Boje?

Ja.

Ich habe sie für eine Miene gehalten! In Wahrheit hatte er sie für ein Seeungeheuer gehalten. Wieso ist die Boje ein Auge?

Sie heißt Odins Auge.

Und warum müßt ihr sie ausgerechnet jetzt bergen? In der Weih­nachts­nacht? Hier? An dieser Stelle, wo ich rudere?

Wir fragen uns eher, warum du in der Weih­nachts­nacht hier ruderst, erwiderte der Mann, erhielt jedoch keine Antwort. Sie ist kaputt­gegangen. Irgend­etwas hat sie ge­trof­fen und außer Gefecht gesetzt. Ich dach­te gerade, du hast dich daran zu schaf­fen gemacht. Weil du hier treibst. In einem Kajak. In der Weih­nachts­nacht.

Ich hab mir fast in die Hose gemacht!

Ida und die Techniker tigerten unruhig am Ufer auf und ab. Sie konnten das Gespräch dort drüben nicht verstehen.

Es gibt sie überall im Fjord. Von der Schleuse stromauf­wärts bis zum Fyrisån. Alle hun­dert Meter. Sie werden dicht über dem Grund an drei Sei­len befestigt und mes­sen aller­lei Dinge. Wegen der Klima­erwärmung, weißt du. Der Pegel wird in den nächsten zwan­zig Jahren drama­tisch steigen. Rei­mers­holme und das Stadthaus, das wird alles unter Wasser stehen.

Verdammt, da wohne ich!

Im Stadthaus?

Auf Reimersholme, du Witzbold! Zum Glück im sechsten Stock.

Der sechste Stock ist nicht betroffen.

Die alte Jansson im Ersten würde es sich in Zukunft dreimal überlegen, ob sie ihr Küchenfenster aufriss. Die Klimaerwär­mung hatte also auch ihr Gutes. Was ist das denn für ein dämlicher Name? Odins Auge!

Die Bojen heißen alle Odins Auge, obwohl Odin nur eines seiner beiden Augen am Brun­nen der Er­kennt­nis geopfert hat, um durch einen Schluck dar­aus All­wis­sen über die Zu­kunft zu er­langen. Danach ist das Pro­ekt be­nannt. Das hier ist Num­mer 213.

Und warum ist sie kaputt?

Wissen wir nicht. Etwas muss sie getroffen haben. Ein Ven­til wurde ab­geris­sen. Kann das etwas mit eurem Pick­nick da drü­ben zu tun haben?

Bestimmt nicht. Wir haben eine Selbst­mör­de­rin ge­fun­den.

Du hättest früher kommen sollen.« Damit meinte die Tanzlehrerin Anna Issaro nicht etwa Minuten, Stunden oder gar Tage. Sie meinte Jahre und eigentlich das ganze Leben.

Sofi Jo­hans­son vermutete, daß das Kompliment weniger ihrem Talent galt, und schwieg des­halb. Welche Rolle spielte schon Talent, wenn man das Tan­zen erst mit sie­ben­und­zwan­­zig Jahren in der Single­frauen­gruppe begann! Als Kriminalinspek­torin bei der Reichs­mord­kom­mis­sion saß sie den lieben langen Tag am Schreib­tisch. Sie hatte bloß etwas Würdevolleres als einen Fitneßclub zur Ertüchtigung gesucht und übte außerhalb der Stunden nur, wenn sie zu­fäl­lig Lust darauf bekam. Aber im Som­mer konnte es vor­kom­men, daß sie auf dem Heim­weg unter einer Laterne herum­hüpfte.

Wenn Anna ihre Schüler lobte, klang das an guten Tagen wie Mitleid, an schlech­ten wie Hohn. Nur Sofi wurde nie gelobt. Während der Stunde zischte Anna manch­mal Sofis Namen, wo­rauf sich Sofi drüben am anderen Ende der Stange augen­blicklich zu­sam­men­riß, obwohl sie Ende zwanzig, Krimi­nal­inspektorin und in Besitz zweier Schußwaffen. In der ver­gangenen Woche hatte sich Anna sogar inner­halb einer ein­zigen Stunde vier­mal wegen Sofis Atti­tude be­kreu­zigen müssen. Keine andere Frau aus der Single­frauen­gruppe ver­mochte bei Anna Issaro religiöse Gefühle zu wecken. Anna spürte an­schei­nend, daß das Ballett mitt­ler­weile einen zweiten Sinn in Sofis Leben ergab. Sie tanzte als ein­zige von den Schü­lern mit selbstzerstöreri­schem Eifer. Das war es, was Anna Issaro, die für andere Lebens­wege als selbst­zerstöre­rischen Eifer kein Verständnis hatte, so gefiel. Und an Ehrgeiz fehlte es Sofi gewiß nicht: Erst im April hatte sie sich beim Aus­wrin­gen des Spülschwamms den kleinen Finger ge­brochen.

Sofi brauchte wie immer am längsten im Umkleideraum, und Anna Issaro hatte es sich angewöhnt, hereinzukommen und sich schicklich ans Fenster zu stellen und mit ihr zu plaudern.

Sie hob sich elegant auf die Zehenspitzen, um über den Sicht­schutz hin­weg­blicken zu können. Feierst du mit deiner Fami­lie?

Ja, log Sofi. Ihren Vater hatte sie nie kennengelernt, und ihre Mutter war vor Jahren in einer Ner­ven­klinik an einem Hirn­schlag gestor­ben. Danach hatte Anna be­stimmt nicht fragen wollen. Und du?

Anna seufzte. Sie stand so nah am Fenster, daß das Glas von ihrem Atem beschlug. Ich bin katholisch. Da gibt es hier nicht viel zu feiern.

Das sah man schon daran, daß Anna die Montagsübungs­stunde nicht aus­fal­len ließ, nur weil sie zufällig auf den Weih­nachts­­abend fiel. Und von den vier­zehn Frauen war sogar die Hälfte gekom­men. Sie standen jetzt draußen am Schuhregal und ver­han­del­ten darüber, was sie noch zusam­men an­stel­len soll­ten.

Anna mußte um die fünfzig sein, überlegte Sofi. Sonst wußte sie so gut wie nichts über sie. Irgendwann war sie aus Spanien nach Stockholm gekommen, und alles, was sie sagte, war eine Kette aus Imperativen. Ihr Schwedisch klang wie ein auf dem Kopf stehendes Ausrufezeichen. Mehr wollte Sofi gar nicht erfahren, so sehr liebte sie Unklarheiten.

Ich bin ebenfalls katholisch, sagte sie und zog dabei den Reißverschluß ihre Jacke zu.

Anna fuhr herum und musterte sie. Sofis schwarzes Haar und ihre ebenso schwarzen Augen genügten als vorläufiger Beweis. Sie stellte keine Folgefrage. Was ihre Schüler außerhalb der Tanzschule machten, kümmerte Anna nicht. Solange sie hier tanzten, gab es kein Draußen.

Der Katholizismus war wie ein geerbtes Schmuckstück für Sofi, etwas das zu nichts zu gebrauchen war und das man nie herzeigte und nur selten aus der Schatulle holte, weil man ja wußte, daß man es besaß. Darüber hinaus wußte sie so gut wie nichts über ihre Religion, da sie Zeit ihres Lebens in ihrer Welt die einzige Katholikin gewesen war. Allein ihr Vater hätte ihr etwas darüber erzählen können, doch den hatte ihre Mutter nach einer leiden­schaft­lichen Nacht irgendwo südlich des vier­undvierzigsten Breitengrades nie mehr wie­der­gesehen. Die ein­zige katho­lische Kirche Stock­holms lag in Sofis Stadtteil, doch sie zog es vor, von Zeit zu Zeit in der Sofia­kirche nahe ihrem Haus zu sitzen und nach­zuden­ken, während sie die protestan­tischen Frauen aus der Nach­bar­schaft bei ihren Qigong-Übungen be­trach­tete, zu denen sie sich täg­lich zwischen den Kir­chen­bän­ken trafen.

Die anderen waren längst aufgebrochen, als sie ins Treppen­haus trat. Sie wollte den Weihnachtsabend nicht mit sieben verzwei­fel­ten Frau­en ver­­bringen. Mitten auf der knarrenden Treppe erlosch das Licht. Sie tastete sich voran. Als sie die Tür öffnete, quoll knie­hoher Schnee in den Flur. Dicke Flocken schweb­ten in der Luft. Aus allen Rich­tun­gen hörte man Schnee­schau­feln über den Asphalt kratzen. Sofi brummte vor Er­stau­nen. Auf der Fahrt hier­her war alles karg und grau ge­wesen. Schnee war zwar ange­kündigt wor­den, aber nie­mand hatte damit gerechnet, daß er noch zu den Feier­tagen ein­traf.

Am Gehweg hatten die Räumfahrzeuge den Schnee so hoch angehäuft, daß der Wall Sofi bis zu den Schultern reichte und man wie im ersten Weltkrieg durch geschaufelte Gräben bis zur Ampel und noch weiter laufen konnte, ohne entdeckt zu wer­den. Sie hatte das Gefühl, eine ganze Woche verpaßt zu haben.

Abseits der Kreuzung waren die Straßen und Wege noch un­geräumt, und überall herrschte Anar­chie. Der Zu­sam­men­bruch der Zivili­sation war das Schönste am Schnee. Man mußte sehr weit in den Süden Europas rei­sen, um eine Stadt zu finden, die bei einem Wintereinbruch in eine ver­gleich­bare Panik verfiel wie Stock­holm. Sofi sog den Kri­stall­duft in die Nase und lief los.

Nicht nur sie war auf der Suche nach ihrem Auto. Auf der anderen Seite der Straße versuchte ein Mann im Mantel einen Schneehaufen nach dem ande­ren und fuchtelte dabei mit seinem elektro­nischen Türöffner in der Luft her­um, ohne daß sich sein Wagen zu erken­nen gab. Bei Sofis al­tem Fiat Mi­ra­fiori hätte der Schnee einen Meter hoch auf der Motorhaube liegen müssen, damit die alt­modi­sch lange Antenne darunter ver­schwand. Der Eis­kratzer war in dieser Lage natürlich ein Witz, des­halb behalf sie sich mit der Fußmatte, um das Auto frei­zuschau­feln.

Spring an, Mimi! flehte sie und drehte den Schlüssel mit unklaren Erwartungen im Zündschloß. Der verrostete Mira­fiori war als Sollbruchstelle in ihrer raffinierten Schicksals­hygiene fest einkalkuliert. Ein präpariertes Ziel für den lieben Gott. Doch der Wagen sprang jedes Mal an, als wollte sich der liebe Gott über ihren erbärmlichen Versuch lustig machen und sie zappeln lassen. Schon vor langer Zeit hatte Sofi beschlos­sen, sich ein richtiges Auto zuzulegen und damit in die Zukunft zu fahren, sobald beim Fiat die nächste Reparatur anfiel. Seit dieser Entscheidung lief der Wagen ohne Murren.

Sie wohnte nur drei Straßen von der Tanzschule entfernt. Als sie nach der schlüpfrigen Fahrt in die Tengdahlsgatan einbog, begann sie nach einem Parkplatz Ausschau zu halten und be­merkte daher zu spät, wie am anderen Ende der Straße Schein­werfer auftauchten. Sie trat auf die Bremse.

Das Bremsen half auf der abschüssigen und geboge­nen Straße nicht, son­dern ver­schlim­merte alles. Auch der ent­gegen­kom­mende Wagen bremste, so gut es ging, und geriet ebenfalls ins Schlingern. Fünfzig Meter, dreißig Meter, zehn Meter. Von allen Sicher­heits­vor­rich­tun­gen, die die Auto­indu­strie in den vergan­genen zwei Jahr­zehn­ten erfunden hatte, besaß der Mirafiori keine ein­zige. Sofi streckte ihre Arme aus, zog die Füße zu sich und drückte den Kopf gegen die Lehne. Der Auf­prall blieb aus. Sie öffnete ihre Augen. Der andere Wagen stand so dicht vor ihr, daß seine Schein­wer­fer unter ihrer Kühler­haube ver­schwan­den. Aus dem Fen­ster der Beifahrertür ragte ein geschnürter Weih­nachts­baum.

Der Fahrer öffnete die Tür. Auch Sofi stieg aus. Dem Mann sah man an, daß der Beinahe-Unfall eine den ganzen Tag dauernde Gehetztheit von ihm genommen hatte. Jetzt war alles egal. Sie riskierten einen Blick zwischen die Stoßstangen. Da paßte kein Finger mehr dazwischen.

Heute ist nicht mein Tag! brummte der Mann und sah auf.

Meiner auch nicht!

Frohe Weihnachten!

Dir auch!

Als Sofi den Motor wieder anließ, hatte der andere schon zu­rückgesetzt und wendete in der Einfahrt. Sofi mußte weit vom Haus ent­fernt par­ken. An der Woh­nungs­tür waren ihre Finger vor Kälte so steif, daß sie den Schlüssel nicht ins Schloß bekam. Hinter ihrem Rücken wurde die Nach­bar­tür auf­ge­ris­sen.

Ich hab gedacht, daß du zu Hause bist, rief Eufrat. Weil alle Lichter in deiner Wohnung brennen.

Das muß an Weihnachten so sein, damit es im kommen­den Jahr keine Todesfälle gibt.

Seid ihr abergläubisch bei der Polizei? kicherte Eufrat. Sie war zwölf und dünn wie eine gut gewickelte Web­spindel. Ihre Mutter war Bus­fah­re­rin und hatte heute Abend offen­kun­dig keinen Dienst, denn aus der Küche schweb­te ein orien­tali­scher Duft ins Trep­pen­haus.

Das ist eine alte schwedische Sitte.

Die Mutter kam aus der Küche und winkte mit ihrem Pfan­nen­heber. Sofi hatte die Mutter noch nie ohne den Pfannen­­heber gesehen.

Arbeitest du nicht? fragte Sofi. Bei uns müssen die Mos­lems an Weih­nach­ten im­mer dran glau­ben.

Wir sind syrische Christen, erklärte Eufrat und schüttelte den Kopf. Deswegen sind wir ja hier und nicht in Syrien!

Dann frohe Weihnachten.

Ich habe dir deine Weihnachtskarte durch den Briefschlitz geworfen.

Die Mutter fand, daß Eufrat den Erlöser an seinem Geburtstag nicht be­lei­di­gen sollte, indem sie wie ein Flitt­chen im Trep­pen­haus herum­lun­ger­te, und trieb sie mit dem Pfan­nen­heber in die Woh­nung zurück.

Sofi schloß ihre Tür und bückte sich nach dem Kuvert. Aber da lagen gleich zwei. Sie legte die Weih­nachts­post auf den Tisch und ging in die Küche. Sie hatte sich Hering vorberei­tet. Der wartete auf dem Back­blech, und Sofi mußte nur noch den Ofen einschalten und ein bißchen warten. Die Hälfte dessen, was von der Reis­grütze am Mittag übrig war, stellte sie wie in ihrer Jugend auf den Balkon, um den Weihnachtsmann bei Laune zu halten. Aus der anderen Hälfte wurde Reis à la Malta für den Nach­tisch. Mit einem Glas Punsch nahm sie am Tisch Platz.

Das rote Kuvert entpuppte sich als Eufrats Weihnachtskarte. Das Nachbarsmädchen hatte Sofi eine feste Rolle in ihrem Leben zugewiesen, als Ersatz für eine ältere Schwester.

Das zweite Kuvert enthielt eine Zeichnung. Bei näherer Be­trach­tung konn­te Sofi daran nichts Weih­nacht­liches ent­decken. Es war ein Por­trät von ihr. Kein Por­trät, ihr ganzer Körper war darauf zu sehen, lau­fend, mit wehendem Rock und we­hen­dem Haar. Aber es stellte ohne Zweifel sie dar. Sofi drehte und wen­dete den Umschlag. Nirgen­dwo ließ sich erkennen, von dem die Zeich­nung stammte. Eine Brief­marke gab es nicht.

Sofi klingelte bei Eufrat. Die Mutter öffnete und rief dann Sofis Frage in den Flur.

Eufrat kam angerannt. Bist du dumm, oder was? Das rote!

Sofi kehrte in ihre Wohnung zurück.

Das Bild war mit Tusche gezeichnet und sehr hübsch. Sofi dachte für eine Sekunde an Linda Ce­der­ström, die Tochter ihres Chefs. Linda war eine eifri­ge und talen­tierte Male­rin, aber sie wohnte jetzt weit ent­fernt in Wien und zeich­nete auch ganz anders. Sonst kannte Sofi kei­nen Men­schen, der so zeich­nen konnte.

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