Der zweite Tod

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Stockholm · Dezember

Detzt war es soweit. Dreißig Jahre hatte er ge­braucht. Er hatte nicht er­war­tet, dass es so lange dau­ern würde. Jetzt erst war er so gut, wie er es sich immer vor­genom­men hatte. Noch keiner hatte erreicht, was ihm ge­lun­gen war.

Er saß mit durchgestrecktem Rücken regungslos in seinem Sessel und reck­te den Kopf. Das Buch rutsch­te unbemerkt zwi­schen seinen Knien hindurch, fiel auf seine Füße und dann auf den Boden. Die Zim­mertür war halb ge­schlos­sen. Er starrte in den dunklen Gang hinaus, ohne die Woh­nungs­tür von seinem Platz aus sehen zu können. Seine Hände lagen schon auf der Lehne, aber er zögerte. Es klin­gelte wieder. Im Wohn­zimmer drehte Mari den Fernseher leiser. Dann brach­ten ihre wütenden Schritte den Parkettboden im Gang zum Schwin­gen, das spürte er bis hierher. Er sank ein wenig zurück und horchte. Carl Pe­tersson hörte eine atemlose Männerstimme. Mari wech­selte einige Worte mit dem Kurier­boten, doch sie drangen nur un­deut­lich bis zu ihm ins Arbeits­zimmer. Sie schloss die Tür. Die Sekun­den ver­stri­chen. Warum ver­strich bei ihr immer soviel Zeit? Er blickte zur Wand­uhr und dann aus dem Fenster. Gleich war es ein Uhr. Im Haus gegenüber waren die letz­ten Lich­ter erloschen. Es hatte zu schnei­en be­gon­nen.

Die lange Zeit der Anspannung war nun zu Ende. Sie hatte Mari besonders zermürbt. Noch ahnte sie nicht, dass jetzt alles anders werden würde. Er hatte ihr viel zu erzählen.Endlich trat sie ins Arbeitszimmer, das Kuvert hielt sie in der linken Hand. Es war so groß und dick, wie er erwartet hatte. Mari blickte ihn for­dernd an, ohne sich für das Kuvert zu interessieren. Sie forderte etwas ganz anderes. Dafür würde bald Zeit sein. Er lächelte, erkannte dann aber sogleich, dass sie das missverstand. Ohne ein Wort legte sie das Kuvert auf die freigeräumte Platte des Schreibtischs, machte aber keine Anstalten, wieder ins Wohn­zimmer zurückzukehren. Jetzt konnte sie auch dabei sein.

Mach es auf, knurrte er, weil er glaubte, seine Hände würden zu fahrig sein, um es selbst zu tun.

Mari zerrte und rüttelte an der Lasche des Kuverts, begriff dann aber, dass sich das Papier nicht zerreißen ließ.

Nimm doch den Brieföffner! Das Papier ist reißfest. Sie zog die Schreib­tisch­lade auf und wühlte ungeduldig in den Stiften herum, bis sie den Brieföffner mit der ge­schlif­fenen Spitze fand.

Carl stemmte sich aus dem Sessel und schlurfte in seinen Lederpantoffeln zu ihr hinüber. Er spürte sein Alter in den Gliedern. Bishops Elamische Paläographie blieb auf dem Boden liegen.

Sie war schön in ihrem Nachthemd. Er erahnte die weiblichen Formen ihres jungen Körpers darunter. Gerne hätte er seine Arme um ihre Hüften gelegt und nach der langen Zeit endlich wieder etwas Zärtliches zu ihr gesagt. Aber sie würde seine Aufmerksamkeit sofort ganz für sich einfordern. Er setzte sich still an den Schreibtisch. Mit der Spitze des Zeigefingers wischte er über die frisch polierte Platte. Er konnte kaum glauben, wie glatt es lief. Es war ein Meisterstück, sein Meisterstück.

Mari hatte endlich das Kuvert geöffnet, fischte die Papiere heraus und breitete sie vor ihm auf dem Tisch auf. Carl trennte die drei gehef­teten Stapel und legte sie neben­ein­ander. Am Morgen hatte er den Schreib­tisch frei­ge­räumt und das Holz gepflegt, um seine Nerven zu beruhigen. Er hatte drei­mal nach­polieren müssen, bis der ölige Film ganz verschwun­den war. Bild­schirm und Com­puter standen noch auf dem Boden. Er war zu auf­geregt gewesen, um die Kabel wieder zu­sam­menzu­stecken.

Wie erhebend sich die drei Stapel nun auf der leeren Holz­platte aus­machen würden, hatte er nicht bedacht. Ein Anblick der Klarheit am Ende eines langen Weges.Zufrieden überflog Carl Petersson die Seiten. Das Ra­scheln und Kni­stern des dün­nen Durch­schlag­papiers füllte die Stille im Zim­mer aus, nur vom Wohn­zimmer her drang leise eine Frauen­stimme aus dem fran­zösischen Spiel­film herüber. Jetzt muss­ten sie nur noch warten, bis es wieder klingelte. Mari würde überrascht sein.

Stattdessen kam der Schlag. Die Wucht ließ seinen Oberkör­per einmal vor- und zurückwippen. Etwas Großes und Schwe­res musste ihn von hin­ten ge­trof­fen haben. Der Schmerz drang spitz und ste­chend in seinen Rücken ein und brei­tete sich in Wellen in seinem Körper aus. In seinen Fin­gern und Ze­hen schie­nen ihn winzige Nadeln zu ste­chen. Die Welle hin­ter­ließ überall Taub­heit. Sein Körper schlief lang­sam ein.

Die Wurzel seiner Zunge be­gann anzuschwellen und gegen seinen Gaumen zu drücken. Er bildete sich Gerüche ein, die es hier nicht geben konnte. Man­deln und Veil­chen. Er schmeckte die Säure, die aus seinem Magen herauf­drang. Die Überraschung ging in eine träge Schwere über, dazwi­schen durch­litt er einen Augen­blick der Fas­sungs­losig­keit. Wie ein hämisches Echo hallte Sinuhes berühmter Ausspruch durch seinen Kopf.

Das ist der Geschmack des Todes.

Es gab nun keinen Zweifel mehr darüber, auf welchem Wort der Satz zu betonen war. Die wissenschaftliche Diskussion war beendet. Dass er einmal solche Gewiss­heit erlangen würde, hatte er nicht erwartet.

Das war alles. Weiter kamen seine Gedanken nicht. Carl Pe­tersson drehte den Kopf zur Seite. Mari stand schweigend da und starrte ins Leere. Sie hatte den Blick von ihm abgewandt. Wut, Schrecken, er las beides in ihren Augen. Warum sah sie ihn nicht an? Er griff sich an den Rücken und tastete, bis er kaltes Metall spürte. Ohne zu begreifen, tastete weiter. Ein unbekann­tes Ziel zog seine Finger an, bis seine Hände in ihrer Verdrehung zu zittern begannen.

Der Brieföffner. Mari.

Mari hatte ihm die Klinge in den Rücken gestoßen. Aber er hatte doch einen dumpfen Schlag gespürt! Jetzt erst begriff er, wirklich erst jetzt.

Seine Arme erschlafften nun. Es war ihm nicht gelungen, die Klinge herauszuziehen, obwohl sie nicht so tief in ihm zu stecken schien. Sein lautes Ächzen schreckte Mari aus ihrer Starre auf. Sie tat einige richtungslose Schritte im Zimmer, riss den Akten­schrank auf, wandte sich aber wieder ab und rannte hinaus, um sogleich mit ihrer Sporttasche zurückzukehren. Im Lauf fiel sie vor dem Akten­schrank auf die Knie und rutschte noch einige Zentimeter weiter. Hastig kramte sie in den Fächern herum. Sie entdeckte die Schuld­scheine mit ihrer Unterschrift darauf und stopfte sie in die Tasche. Sie entdeckte das Geld und packte alle Bündel dazu. Papiere, für die sie sich nicht inter­essierte, glitten unbeachtet zu Boden. Sie kümmerte sich nicht darum. Jetzt sah er, was er nicht begriffen hatte, jetzt sah er all ihre Gedanken in dem, was sie tat.

Er konnte den Kopf inzwischen nicht mehr bewegen und nahm sie nur noch aus den Augenwinkeln wahr. So klar und ent­schieden hatte er sie noch nie gesehen. Mit kalten Augen blickte sie sich im Zimmer um. Dann riss sie das Telefon aus der Lade­station und rannte wieder aus dem Zimmer, eilte durch die Räume und warf ihre Sachen in die Tasche. Auf einmal stand sie mitten im Raum, jetzt war sie angezogen. Sie trat hinter ihn und versuchte, die Klinge aus seinem Rücken zu ziehen. Es gelang ihr nicht. Mari gab auf und stürmte hinaus. Mit harten Schritten kehrte sie erneut zurück und wischte den Griff des Brieföffners, der noch immer in seinem Rücken steckte, mit einem Spüllappen ab. Anschließend warf sie den Lappen als Beleidigung auf den Tisch und verschwand aus dem Zimmer.

Carl Peterssons Gedanken erlahmten. Er war viel zu weit ge­gangen mit ihr, das musste er sich nicht mehr eingestehen. Es lag nun offen da. Der gelbe Lappen dicht vor seiner Nase stank modrig. Er hatte ihn verdient.

Er würde sie nie mehr wieder­sehen. Er verstand und er ver­stand nicht. Die Wohnungstür fiel ins Schloss. Sie verriegelte es gewissen­haft. Einmal, zweimal drehte sie den Schlüssel herum und zog ihn heraus.

Damit war das letzte Geräusch verklungen. Carl Petersson saß allein an seinem Schreibtisch und wusste nicht, ob er leben oder sterben würde.

Beim ersten Piepsen des Weckers war sie hell­wach. Linda Cederström öffnete die Augen, und ihr erster Ge­danke war wie an jedem Morgen: Mama ist tot.

Vor vier Jahren nach dem plötzlichen Tod ihrer Mutter war es wie ein notwendiges Mantra gewesen, um die Veränderung in ihrem Leben an jedem neuen Morgen einzuüben, bevor sie auf­stand. Aber sie war es nie mehr losgeworden.

Heute blieb keine Zeit, ihre liebste Erinnerung dagegenzu­setzen. Sie atmete tief durch. Sie hatte gelernt, mit dem heutigen Tag zu leben wie ein Armenier mit dem nächsten Erdbeben.

Es war finster im Zimmer. Sie richtete sich auf und fühlte eine Leere, wie sie im Magen zerrt, wenn man zu kurz geschlafen hat.

Ihr Plan! Ihr schauderte davor. Dennoch ging sie alle Statio­nen noch einmal in Gedanken durch, bevor sie die Decke von sich riss, aus dem Bett sprang und sich im Dunkeln zur Küche tastete. Dort knipste sie die Tischlampe an, füllte eine Tasse halbvoll mit Milch und erwärmte sie zwei Minuten und zwanzig Sekunden in der Mikrowelle. Diese Zeit nutzte sie, um Wasser im Sieder zu erhitzen und zwei Löffel Kaffee in den Filter zu schau­feln. Sie ließ das Kaffee­wasser durch den Filter in die heiße Milch rinnen. Linda war wach und aufmerksam. Das musste an der Aufregung liegen, vermutete sie. Alle Handgriffe verrichteten sich wie von selbst, nach­dem sie vor dem Ein­schlafen jeden einzel­nen minutiös durchgeplant hatte, auch das Kaffeekochen.

Linda nahm die Tasse mit ins Bad, stellte sie auf der Ablage über dem Waschbecken ab und trank von Zeit zu Zeit daraus. Eine Viertel­stunde später waren ihre Haare trocken genug, um damit ins Freie gehen zu können. In ihrem Zimmer lagen die Kleidungsstücke in der Reihenfolge auf dem Boden aus­gebreitet, wie sie hinein­schlüpfen musste. Einen Augen­blick lang betrach­tete sie die Sachen, wie sie so dalagen. Wie eine in Szene gesetz­te Gebrauchs­anweisung sahen sie aus.

Im Flur hatte sie am Abend sogar die Schuhe so aufgestellt, dass sie in Laufrichtung hineinsteigen konnte, und die Hand­schuhe klemmten in der Klinke der Haustür. Es war zwar nur Spaß gewesen, als Papa sie ermahnt hatte, dass alles viel schneller ginge, wenn sie sich am Morgen nicht immer so treiben ließe, doch nun war sie heilfroh, dass sie nicht im Schrank nach den Handschuhen wühlen musste. An anderen Tagen musste sie das oft tun.

Sie trat fertig an die Wohnungstür und war sich sicher, viel besser in der Zeit zu liegen, als sie vorausberechnet hatte. Damit war also bewiesen, dass Linda Cederström konnte, wenn sie wollte.

Um in Papas Worten zu sprechen.

Unten vor der Tür gab es Anlass zu seufzen. Der Schnee! Endlich war er da! Ausgerechnet jetzt, wo sie ihr Ziel nicht aus den Augen verlieren durfte. Die Flocken wirbelten nicht in der Luft herum, sie fielen schnell und in geraden Bahnen vom Himmel herab. Alles war bedeckt, man konnte keine Formen mehr erkennen.

Nichts war zu hören, nur das leise Knistern der Flocken. Und sie.

Im Traum streckte Kjell seine Arme aus und griff nach den nach den Brüsten, die seine Kollegin Sofi Johansson ausnahmsweise in dieser Szene trug. Sie lachte dabei und warf sich ihm entgegen. Das alles wirkte so natürlich. Nur ihr Lachen, das irritierte ihn ein wenig. Es klang piepsig und wollte kein Ende nehmen. Es dauerte noch einige Momente, bis er darauf kam, dass das Telefon klingelte. Er tappte danach und fand es auf dem Fensterbrett, das er vom Bett aus erreichen konnte. Er konnte alles in seinem Schlafzimmer vom Bett aus erreichen.

Es war Sofi Johansson. Ihre Melodie war die Waldsteinsonate. Kjell drückte auf den grünen Knopf.

Guten Morgen, flüsterte sie mit ihrer tiefen Morgenstimme. Es ist Viertel vor drei, und ich bin gleich bei dir. Wir müssen nach Vasastan. Die Kripo ist schon da.

Ja. Seine Stimme klang belegt, und er musste sich mehrmals räuspern, bis sie endlich trug. Ich stehe dann an der Straße.

Ich bin jetzt bei der Brücke, sagte sie und legte auf.

Das mit den Brüsten tat ihm sogleich leid. Es musste mit der trockenen Heizungsluft zusammenhängen, dass er plötzlich von Brüsten träumte und sie dabei auch noch vergrößerte. Er war also auf der untersten Stufe angelangt, die man beim Träumen erreichen konnte. Er hatte nicht geglaubt, dass es so schnell gehen würde.

Kjell riss beide Fensterflügel auf und ließ die Kälte herein. Sie biß nicht in die Haut, aber alles, was in dem Zimmer aus Kunst­stoff oder elektrisch war, knisterte und knackte. Er lehnte sich hinaus und machte einige tiefe Atemzüge. Schneeflocken fielen vom Himmel. Sie waren so klumpig und schwer, dass er es spür­te, wenn eine davon auf seinem Kopf landete. Er wohnte auf Reimersholme mitten in der Stadt. Jenseits des Wassers sah er die Scheinwerfer eines Autos, das sich auf der Ringstraße durch den Schnee kämpfte. Der Lichtkegel reichte gerade mal zwei, drei Meter weit, bevor er seine Kraft verlor. Der Wagen war in einen diffusen Schein gehüllt, denn neblig war es obendrein. Kjell blickte nach unten auf den Rasen vor dem Haus. Er wollte abschätzen, wie hoch der Schnee schon lag. Der Zaun am Rosen­beet war dreißig Zentimeter hoch und so zugeschneit, dass ein Unwissender auf der Nase landen würde.

Am Abend war er früh ins Bett gegangen und fühlte sich jetzt ausgeschlafen. Routiniert stieg er in die weiche braune Kord­hose, die über dem Stuhl hing, und sah sich nach einem Oberteil um. Ein frisches Hemd war nur für den Preis eines mauerndurch­dringenden Quietschens der Schranktür im Flur zu bekommen. Aber auf dem Stuhl entdeckte er den Pulli, der ihm gerade recht kam. Im Büro wartete noch ein frisches Oberhemd. Da konnte er später wechseln. Er schlich ins Bad, putzte sich die Zähne und reckte sein Kinn zum Spiegel. Die nächste Rasur konnte auf jeden Fall bis zum Abend warten. Kjell drehte das kalte Wasser auf und schöpfte es sich dreimal ins Gesicht, bis er sich erfrischt wie ein Neununddreißig-jähriger fühlte. Sein Haar war für seine zweiundvierzig Jahre unglaubwürdig braun geblieben und lag ausnahmsweise so, wie er es sich wünschte. Es würde ein guter Tag werden.

Draußen folgte er dem schneeschaufelbreiten Pfad bis zur Straße. Der Schnee gab knautschend nach. Bei Umberto im Hausmeisterschuppen brannte Licht, und in einiger Entfernung schippte ein Mensch um sein Leben. Ob sie in der Innenstadt schon räumten? Er fragte sich, wie lange sie bis Vasastan brau­chen würden. Das ferne Rauschen des Verkehrs auf der Ring­straße und der Westbrücke war verstummt. Es war wärmer, die Temperaturen waren in wenigen Stunden stark gestiegen. Seine Schätzung lag bei fünf Grad unter Null. Einige Minuten lang stand er da und fand, dass die Baumstämme jetzt alle kohlschwarz aussahen. Wo blieb Sofi? Erwarf zwei Schneebälle auf das Stop­schild, doch sie lösten sich weit vor dem Ziel in weiße Pulver­wolkenauf. Dann begann er, langsam aber sicher auf der Stelle zu stampfen, bis er aus der Ferne den Motor quengeln hörte. Bald darauf hielt Sofi neben ihm, die Beifahrertür wurde beherzt von innen aufgedrückt. Er stutzte. Aus dem Wagen kletterte seine Tochter. Sie hatte Schnee auf dem Kopf, und weiße, runde Klum­pen hingen in ihren langen Haarenwie Weihnachtsbaumkugeln.

Linda? fragte er. Was machst du hier?

Sie drängte sich wortlos an ihm vorbei. So in Rage hatte er sie noch nie erlebt. Ihre Hosenbeine waren weiß bis zu den Knien hinauf und der Stoff steifgefroren. Linda lief schwerfällig, stampf­te und taumelte, immer wieder trat sie leise fluchend und jam­mernd gegen den Schnee, der in der Luft zerstob. Sie ver­schwand im Hauseingang.

Linda war siebzehn und Sofi fünfundzwanzig.

Er stieg in den Wagen und begrüßte Sofi. Sie fuhr sofort los. Gespannt wartete er auf eine Erklärung.

Ich habe sie am Hornstull auf der Straße laufen sehen. Ohne Grund flüsterte sie. Sie wollte in die Schule.

Er lachte herzlich. Sofi konnte sich nicht entscheiden, ob sie Linda bedauern oder mitlachen sollte.

Das passiert mir aber auch manchmal, sagte sie ernst. Daß ich mich in der Zeit vertue. Er betrachtete sie ungläubig von der Seite. Sie hat alles durchgeplant, damit sie es rechtzeitig schafft. Das muß ihre Nerven überfordert haben.

Jetzt begann sie zu lachen. Es klang tief. Zuerst wollte sie mir gar nicht glauben. Sie war schon völlig erschöpft, weil sie die ganze Strecke durch den Schnee gestapft ist. Wir müssen sie spä­ter anrufen, damit sie nicht verschläft. Sie war völlig verzweifelt und sauer auf sich. So war sie noch nie.

Er stellte den Wecker seines Telefons auf sechs Uhr. Ausge­rechnet heute, wo sie den Test hatte. Kannst du schon etwas sagen?

Muss ein Toter sein.

Aber was geht uns das an?

Mehr weiß ich noch nicht, aber die Reichspolizeileitung hat ausdrücklich uns angefordert.

Sofi stammte aus Värmland. Das Fahren im tiefen Schnee lag ihr also im Blut. Kjell genoss die Fahrt durch die Dunkelheit und die leeren Straßen. Auch die Räumfahrzeuge waren noch nicht ausgerückt. Von nun an schwiegen sie.

Die Heizung lief auf der untersten Stufe. Er stellte sie ganz ab. Das Gebläse hatte die warme Luft im Auto verteilt, die nach Sofi roch. Ihre Jacke lag auf der Rückbank. Sie trug einen schwarzen Pullover und hatte ein leichtes Lächeln im Gesicht, während sie aufmerksam auf die rutschige Straße sah und sich mehrmals zu ihm drehte. Ihre dunklen Haare hatte sie nach dem Aufwachen nass gekämmt, und an den Ansätzen hatten sich feine Strähnen gebildet wie nach einem Tag am Strand.

ENach zwanzig Minuten bogen sie in die Västmannagatan in Vasastan ein. Hier gab es auf einmal zahlreiche Reifenspuren. Das Haus konnten sie schon von weitem an den Fahrzeugen aus­machen, die davor in zweiter Reihe parkten. Zwei Volvos und der Transit von der Spurensicherung. Sofi parkte dahinter.

Eine Frau mit kurzen, blondgefärbten Haaren trat aus dem Hauseingang. Sie mochte Mitte vierzig sein und trug nur einen roten Rollkragenpullover und Jeans. Fröstelnd schlang sie die Arme um ihren Oberkörper und löste den rechten nur, um Kjell und Sofi schlotternd die Hand zu reichen. Viktoria Hammarfors. Mordkommission, KriminalpolizeiStockholm.

Das ist Sofi Johansson, und mein Name ist Kjell Cederström.

Viktoria nickte und wandte sich dem Eingang zu. Schweigend folgten ihr Kjell und Sofi in den vierten Stock.

Wo ist eigentlich die Presse? fragte Viktoria oben in der Wohnung. Wir sind doch schon eine ganze Weile hier, und der Rettungswagen stand vorhin auch vor dem Haus.

Die Zentrale hat ein Ablenkungsmanöver gestartet, erklärte Sofi. Das ist bei der Reichskrim üblich. Aber bei diesem Wetter gehen die vielleicht gar nicht vor die Tür.

Es ist so, begann Viktoria, nachdem sie die Wohnungstür hinter sich ins Schloss gedrückt hatte. Hinten im letzten Zim­mer liegt ein Toter, um die fünfzig. Wir glauben, er wurde erstochen. Der Notarzt war gerade hier. Vor zwei Stunden hat ein Nachbar bei der Einsatzzentrale angerufen. Er heißt Robert Sahlin und wohnt eine Etage tiefer. Eine halbe Stunde nach dem Anruf waren wir da.

Zwei Männer traten aus der Küche. Sie trugen Plastik­hand­schuhe und gehörten anscheinend zu Viktoria. Man begrüßte sich durch Nicken.

Nachdem wir angekommen waren, haben wir Meldung an die Einsatzzentrale gemacht. Kurz darauf kam die Anordnung, dass wir auf die Reichsmord warten sollen.

Sofi zog ihr Telefon aus der Tasche und rief die Zentrale an. Hier ist Inspektorin Sofi Johansson von der Reichsmord. Wir sind jetzt da, wissen aber nicht, ob wir oder die Kripo hier übernehmen sollen. Sie lauschte eine halbe Minute und legte dann auf. Die wissen es auch nicht. Der Computer hat diese Anweisung gegeben, nachdem sie den Namen und die Adresse eingegeben haben.

Kjell seufzte. Dann übernehmen wir. Am besten bleibt ihr da, dann könnt ihr übernehmen, wenn es sich als Irrtum heraus­stellt. Gehen wir nachsehen.

Sie durchschritten den langen Flur. Kjells erster Blick fiel auf die Bücherregale, die die Wände zu beiden Seiten säumten. Am Ende des Flurs lag das Arbeitszimmer. Dort standen an zwei Wänden weitere deckenhohe Bücherregale und in der Mitte ein schwerer Schreibtisch. Daran saß ein Mann. Mit dem Oberkörper und seinem Kopf lag er auf der Tischplatte, die vor Papieren nur so überquoll. An der linken Ecke der Tischplatte stand ein gro­ßer, flacher Bildschirm. Der Computer summte. Das Gesicht des Mannes konnte man nicht sehen, nur das dichte, graumelierte Haar seines Hinterkopfs.

Neben dem Stuhl, auf dem der Tote saß, kniete Per von der Technischen auf dem Boden. Er richtete sich auf und begrüßte Kjell und Sofi durch schlaffes Zuwinken. Er trug seinen braunen Plastikoverall, den er Benny nach der Trennung von Abba ab­gekauft haben musste. Willkommen bei Agatha Christie, brummte er. Das ist die Leiche und hier die Einstichstelle.

Er deutete auf eine Stelle am Rücken des Toten, die Kjell und Sofi nicht sehen konnten, weil sie nicht so weit in das Zimmer hineintreten durften. Per benutzte dazu sein blaues Idioten­klebeband, mit dem er auf dem Boden markierte, wo an einem Tatort gefälligst zu gehen und zu stehen war. Die Tatwaffe ist vermutlich ein Brieföffner, er liegt in der Spülmaschine. Hier wurde erst vor kurzem Hausputz gemacht. Gute Sache für alle Beteiligten.

Sie durften sich der Leiche noch nicht nähern. Deshalb nutzte Kjell die Wartezeit, um den Raum auf sich wirken zu lassen. Die Bücher in den Regalen ließen ahnen, dass es sich bei dem Toten um einen Wissenschaftler handelte. Soweit er das ermessen konnte, ging es um Altertumswissenschaft.

An den beiden Wänden ohne Regale hingen eine Kreidetafel und mit der Hand beschriftete Kartonagen voll fremder Schrift­zeichen. Einiges davon war Griechisch, anderes Hieroglyphen, jedoch keine ägyptischen. Die Zeichen bildeten augenscheinlich keine Wörter, sondern waren zu Tabellen angeordnet, die einem Perioden­system ähnelten. Neben den Regalen und dem Tisch gab es noch einen Büroschrank, dessen Türen geschlossen waren. Der Parkettboden glitzerte wie eine Eisbahn.

War das mit der Tatwaffe denn ernst gemeint? erkundigte sich Sofi.

Per sah auf und nickte. Sehe ich aus wie ein Zirkusclown?

Per war eigentlich immer so ein Wüstling. Der liebe Gott hatte ihm einen so militanten Zynismus auf die Zunge gelegt, dass sich die Mitglieder der Gewaltdezernate einen Tatort ohne seine barschen Kommentare und sein Herumpoltern schon gar nicht mehr vorstellen konnten. Seine Liebenswürdigkeit bewies er durch andere Dinge wie prompte Anfahrten und kräftiges Zu­packen, durch alles also, wofür man seine Zunge nicht benötigte. Wer in Stockholm einen gewaltsamen Tod gestorben war, muß­te danach auch noch Pers schlechte Laune ertragen.

Du siehst aus wie ein Tanzbär, Per! fand Kjell, ohne dafür den Blick von dem Plakat an der Wand lösen zu müssen.

Tanzper, flüsterte Sofi.

Kjell und Sofi lachten.

Leckt mich einfach, brummte Per und wandte sich wieder seiner Arbeit zu.

In der Küche stand die Luke der Spülmaschine offen, die beiden Laden waren herausgezogen.

Als wir die Wohnungstür öffneten, lief die Maschine, sagte Viktoria. Nachdem wir den Toten entdeckt hatten, haben wir sie sofort ausgeschaltet und geöffnet.

Der Brieföffner lag im oberen Fach.

Die Maschine quoll über, sie enthielt die übliche Haushalts-ladung: Teller, Tassen, Gläser und Besteck. Alles war noch schmutzig und mit einem weißen Film verschmiert. Kjell kratzte an einem Teller. Es schien nur die Waschlauge zu sein.

Wir haben den Inhalt natürlich sofort durchsucht und dabei den Brieföffner entdeckt.

Er lag auf dem Küchentisch in einem bereits beschrifteten Biopack für das Labor. Kjell öffnete die Tüte und inspizierte den Inhalt. Die Klinge des Brieföffners war zwanzig Zentimeter lang. Blut klebte daran. Die Spitze war geschliffen und wie eine Har­pune eingekerbt. Damit konnte man wohl Paketbänder durch­trennen.

Viktoria zuckte mit den Schultern. Wir wissen nicht, wann die Maschine eingeschaltet wurde, aber es dampfte stark, als ich die Luke öffnete.

Der Täter hatte eine ganze Packung Spülmittel auf den Boden der Maschine gekippt. Das war nicht sehr klug gewesen, denn das Granulat hatte den Wasserzulauf und den Abfluß verstopft. Die Maschine hatte das Programm kurz nach dem Start abge­brochen und das Wasser den Brieföffner gar nicht erreicht.

Lass uns noch einmal von vorne beginnen, bat Kjell. Und beschreib nicht nur die Tatsachen, sondern auch deine Eindrücke.

Viktoria war eine Notizblockpolizistin. So wie Sofi. Wenn Sofi abends nach Hause kam, schrieb sie noch eine Stunde lang Tage­buch, als ob sie tagsüber nicht genug schreiben musste. Und am Morgen beim Frühstück schrieb sie Listen mit Dingen, die zu erledigen oder in ihrem Leben wichtig oder unwichtig waren.

Um 1 Uhr 32 hatte ein gewisser Robert Sahlin, dessen Woh­nung schräg versetzt unter der des Toten lag, die Notrufzentrale angerufen: Er höre verdächtige Geräusche und Schreie. Die Telefonistin fragte, was das für Geräusche seien, und Sahlin antwortete, jemand renne durch die Wohnung, er spüre auch Erschütterungen und glaube sogar, einen Schuss gehört zu haben. Er klang besorgt und nannte der Telefonistin Stockwerk und Namen des Toten. Viktoria und ihre Kollegen fanden die Wohnungstür angelehnt. Aus der Spülmaschine drangen regel­mäßig wiederkehrende Kratzgeräusche. Nirgendwo brannte Licht außer der Schreibtischlampe im Arbeitszimmer. Der Com­puter war eingeschaltet. Viktoria und ihre Kollegen überprüften sogleich alle Räume und öffneten mit einigem Unbehagen die Luke der Spülmaschine, ohne zu wissen, was sie darin erwarten würde.

Wart ihr schon bei diesem Sahlin? fragte Sofi, die soeben eine frische Liste in ihrem Block begonnen hatte.

Bisher nicht. Die Einsatzleitung hat ja dauernd angerufen, und wir waren zuerst gar nicht sicher, ob der Mann wirklich tot ist. Die Einstichstelle hat erst Per entdeckt.

Kjell stieg mit Sofi in den dritten Stock hinab und klingelte an Sahlins Tür. Es war schon verwunderlich, dass er sich bisher nicht zu erkennen gegeben hatte, fand Kjell. Er war ja wohl nach dem Anruf nicht schlafen gegangen. Niemand öffnete. Sie sahen einander verwundert an.

Wir müssen unbedingt nachsehen, fand Sofi. Vielleicht wurde er in die Sache verwickelt. Sie eilte wieder nach oben und kehrte nach einer Minute mit Werkzeug aus Pers Sortiment zurück. Inzwischen hatte Kjell an der Tür gehorcht, aber keine Geräusche dahinter ausmachen können.

Die Einsatzzentrale besteht darauf, dass der Anruf tatsäch­lich von Sahlins Anschluss kommt, sagte Sofi. Viktoria hat schon von der Straße aus nachgesehen, ob innen Licht brennt. Alles dunkel.

Dann brechen wir auf.

Sofi kniete sich vor das Schloss und versuchte es mit einem dünnen Metallschaber. Satan auch! keuchte sie. Die ist abgeschlossen. Ich stoße gegen den Bolzen. Jenseits der Tür klingelte ein Telefon. Das ist die Zentrale, sie versuchen es immer wieder.

Kjell lehnte sich mit dem Rücken an die gegenüberliegende Flurwand, stieß sich ab und trat von unten mit der Schuhsohle gegen das Schloss. Die Tür gab oben und unten etwas nach, hatte also keine zusätzlichen Sicherheitszapfen, die einem die Schulter brechen konnten. In diesem Moment kamen Viktorias Kollegen. Zu dritt traten sie gegen das Schloss, bis es brach. Sie prüften die Zimmer. Niemand war in dieser Wohnung, auch der Kühlschrank war bis auf Haltbares wie Ketchup und Senf leer­geräumt. Das Bett war abgezogen. Kjell nahm mit den Finger­spitzen den Telefonhörer ab und drückte auf die Wahlwieder­holungstaste. Am anderen Ende meldete sich die Polizeizentrale. Er kratzte sich am Kopf und wandte sich an den jüngeren der beiden Männer.

Geh hinauf zu Per und hol ein elektronisches Siegel für die Tür. Per soll sich die Wohnung gleich ansehen, sobald er oben mit dem Gröbsten durch ist. Dann wandte er sich an den ande­ren. Wir haben bestimmt das ganze Haus aufgeweckt. Jetzt müssen wir damit rechnen, dass jemand die Presse anruft. Geh hinunter zum Klingelbrett und entferne beide Namensschilder. Und die an den Wohnungstüren und Briefkästen entfernst du auch. Ruf bei der Telefongesellschaft an und lass die Nummern aus allen Registern entfernen. Anschließend klingelt ihr bei den Nachbarn. Fangt im dritten und vierten Stock an und erledigt dann den Rest. Sobald die Post öffnet, leitest du alle Sendungen an die beiden Namen zu uns ins Präsidium um. Die Namens­schilder müssen bis um neun Uhr mit Phantasienamen ersetzt werden. Und eine neue Tür brauchen wir auch.

Die beiden nickten angestrengt und versuchten, sich alles zu merken. Inzwischen lugten die ersten Gesichter aus geöffneten Wohnungstüren. Viktorias Kollegen machten sich auf den Weg zu den aufgescheuchten Nachbarn. Sie baten einen nach dem anderen, wieder hineinzugehen und zu warten.

Ich will mir jetzt das Zimmer ansehen, murmelte Kjell.

Zurück in der Wohnung begann er, die die Bücherregale im Flur zu studieren, die beide Seiten des Ganges bedeckten. Er ließ sich bei seiner Inspektion ausgiebig Zeit. Die Themen waren Archäologie, Kunstgeschichte, antike Sprachen und Geschichte der Antike. Zudem befand sich eine Reihe von materialkund­lichen Werken darunter, Papyrus, Stein, Metall. Dazwischen steckten aber auch allerlei andere Themen. Sofi zog einen dicken Band heraus und zeigt ihm den Titel: Feuer, Frauen und gefähr­liche Gegenstände. Sie schlug es auf. Was Kategorien über den menschlichen Geist verraten … ein Buch über … Semantik, las sie grinsend und quetschte es wieder ins Regal. Es war leichter, die Bücher herauszuziehen als wieder hineinzubekommen. Ob­wohl des Besitzer nicht mehr schimpfen konnte, war sie sehr behutsam.

Kjell, der klassische Literatur studiert hatte, war vor siebzehn Jahren durch eines der ersten Quereinsteigerprogramme für Geisteswissenschaftler bei der Polizei gelandet. Davor waren nur Techniker und Juristen gebraucht worden. Es lag eine ge­wisse Ironie darin, dass er ausgerechnet einen Beruf wählen musste, über den man in der Antike nur verständnislos den Kopf geschüttelt hätte, aber alles ist möglich, wenn man Vater einer Tochter wird und Geld braucht. Er versuchte, seinen Stolz da­durch zu wahren, dass er auf patrizisch unbeteiligte Weise durch den Berufsalltag spazierte. Immer gelang ihm das nicht. Nur die Allerbesten konnten ihre Gravitas bewahren, während sie eine Tür eintraten.

Bald erschienen fünf Männer, um die Leiche abzuholen. Kjell beobachtete, wie sie die Leiche anhoben. Oberkörper und Kopf hatten bisher auf der Tischplatte gelegen. Der Anblick des Toten war zu ertragen, eingebettet in diese Szenerie wirkte er beinahe malerisch, jedenfalls wenn man es mit dem armen Afrikaner am Samstag in der U-Bahn-Station verglich. Unter dem Toten kamen noch mehr Unterlagen und Papiere auf der Tischplatte zum Vor­schein. Sie maß gut zwei Quadratmeter und war völlig damit bedeckt. Der Tod hatte Carl Petersson beim Schreiben und Den­ken überrascht. Kjell wandte sich an Per.

Ist der wirklich mit der Stirn dort aufgekommen, oder wurde er abgelegt?

Sieht nach einem Aufprall aus. Halb sank er hin, halb stieß man ihn, hehe!

Wenn es wirklich hier und so passiert war, musste der Mör­der hinter Petersson gestanden haben. Die Konsequenzen, die sich daraus ergaben, verfolgte Kjell jedoch zunächst nicht. Ihm fiel einfach nichts ein.

Der Anblick des Zimmers und vor allem des Tisches hatte etwas von einem Obstarrangement.

Per deutete auf die Telefonladestation auf dem Schreibtisch. Das Telefon fehlt, ich hab schon gesucht.

Die Männer betteten Peterssons Leiche in den Sarg. Per ent­fernte auch den Stuhl und schlug ihn in Plastikfolie ein. Kjell holte sich einen Küchenstuhl und nahm am Schreibtisch Platz. Sofi stellte sich schräg hinter ihn. Er wollte alles mit Muße be­trachten und in sich aufnehmen. An der Wand hingen Skizzen und Tabellen.

Es waren solche, wie man sie beim Entziffern von Schriften verwendete, eine Auswertung über die Häufigkeit eines Zeichens oder die Zuordnung eines Lautwertes zu einem Zeichen. Wäh­rend seines Studiums hatte Kjell sich mit der Entzifferung der mykenischen Schrift beschäftigt, und das ähnelte dem, was er hier sah. Auf dem großen Plakat direkt vor dem Schreibtisch waren spiralförmig angeordnete Zeichen zu sehen. Kjell wusste, was das war. Er überflog die Papiere auf der Tischplatte. Auch hier tauchten die Zeichen aus der Spirale wieder auf. Petersson hatte an dem Geheimnis dieser Spirale gearbeitet, als ihn der Tod überkam.

Was sind das alles für Sachen? fragte Sofi.

Kjell zeigte auf die Spirale, genauer gesagt waren es zwei, nämlich die Vorder- und Rückseite. Stell dir vor, Albert Einstein wäre an seinem Schreibtisch erstochen worden, während er gerade einen seiner Aufsätze zur Relativitätstheorie verfasste. Er wusste nur zu gut, wie er Sofi aufwühlen konnte. Das war bei ihr ganz einfach.

Sie sah ihn erstaunt an. In Ihrem Blick lagen wie erwartet Skepsis und Widerwillen. Das wäre nicht gut. Dann gäbe es ja keine Computer und keine Musik-CDs.

Gar kein so schlechter Gedanke, schoss es ihm durch den Kopf. Zudem ein gerechter. Der arme Bach war über einer seiner besten Fugen gestorben, während Einstein nach der Relativitäts­theorie den Rest seines Lebens nur noch herumgelungert hatte. Kjell wäre es umgekehrt lieber gewesen. Und keine Mond­landung, ergänzte er Sofis Auflistung der wirklich wichtigen Dinge im Leben der Menschen.

Sie überlegte kurz. Nää, antwortete sie dann und klopfte ihm von hinten auf die Schulter. Bis zum Mond schafft man es auch mit Newton. Aber deine neue Mikrowelle könntest du dann vergessen.

Auf die würde er nie mehr verzichten wollen. Es gab wirklich genug Bachfugen. Er deutete auf die Spiralen. Der Diskos von Phaistos. Er kommt aus Kreta und ist dreieinhalb Jahrtausende alt. Die Zeichen wurden spiralförmig mit Stempeln in den Ton gedrückt.

Und was steht da?

Das weiß kein Mensch! Auch nicht, ob es Griechisch ist oder eine andere, ältere Sprache. Es ist eines der größten Geheim­nisse der Altertumswissenschaft.

Glaubst du, dass Petersson …?

Kjell schüttelte den Kopf. Es hat Hunderte von Theorien gegeben. Er hat es sicher auch versucht, das sehen wir ja hier. Aber ich glaube nicht, dass er es geschafft hat, bis ich die Lösung vor mir sehe. Aber dann hätte sich das Herkommen für uns ja gelohnt.

Jaaa, fand Sofi und legte die Spitze ihre Zeigefingers auf ihre Lippen. Aber Petersson lag immerhin tot mitten in seinem Deutungsversuch.

Er drehte sich zu ihr um und sah ihr ernst in die Augen. Welchen Eindruck hast du von diesem Raum?

Sofi biss sich nachdenklich auf die Lippe und ließ ihren Blick umherschweifen.

Du meinst wohl die ganzen Details wie Sahlins Wohnung, die Spülmaschine und das ganze Ambiente hier.

Er nickte.

Irgendwas stimmt nicht, begann sie. Jemand hat Petersson den Brieföffner in den Rücken gestoßen. Jemand, den er so gut kannte, dass er sich hinter ihn stellen konnte, während er am Schreibtisch arbeitete. Petersson schlug mit dem Gesicht auf die Platte. Sofi unterbrach sich, bis sie merkte, dass er nicht bereit war, in Peterssons Rolle zu schlüpfen und den Aufprall nachzu­spielen. Der Täter zog die Klinge heraus, brachte sie zur Spül­maschine, schaltete sie ein und verließ dann die Wohnung. Er besaß einen Schlüssel zu Sahlins Wohnung und rief von dort den Notruf. Vielleicht war das Telefon hier schon gar nicht mehr da. Aber wieso dringt er in die andere Wohnung ein? Hmm, Sahlin könnte es auch selbst getan haben. Vielleicht hat er den Täter auch zu stellen versucht.

Kjell seufzte. Schau dir mal den Computer an. Er läuft noch.

Er räumte seinen Platz für Sofi, die sich nach dem Hinsetzen liebevoll den Rock glattstrich und dann den Knopf am Monitor drückte, den Per vorhin ausgeschaltet hatte.

Sie brauchte eine Weile, um einen Eindruck zu gewinnen. Ein Menüfenster war geöffnet. Sie klickte mit der Maus auf OK. Der wählt sich in einen Server ein!

Auf dem Gehäuse des Computers lag ein Kartenlesegerät, an dem jetzt ein rotes Lämpchen aufleuchtete.

Auf dem Bildschirm erschien eine weitere Meldung. Sie for­derte sie auf, ein Passwort eingeben, das sah sogar Kjell, ohne dass Sofi es ihm erklären musste.

Probier doch seinen Namen, schlug er vor. Oder … Diskos.

Lieber nicht. Ich bin ziemlich sicher, dass man nur drei Ver­suche hat, sagte sie und sah auf das Lämpchen. Sie zog die Kar­te aus dem Lesegerät und deutete auf den winzigen Chip, der darauf klebte. Das ist ein hardwarecodiertes Passwort. Die Karte ist von der Handelsbank. Aber das Programm hat damit nichts zu tun. Sie zog die Karte aus dem Schlitz. Auf dem Bild­schirm erschien eine Warnung, die Karte möglichst bald wieder reinzustecken. Sofi gehorchte. Aus alter Erfahrung hob sie Papie­re und Notizblöcke hoch und wurde fündig. Da ist es ja, rief sie entzückt.

Unter der durchsichtigen Schreibtischunterlage lag ein Zettel. Darauf standen die Daten einer Bankverbindung in Stockholm, wahrscheinlich Peterssons Konto, und: Serverpasswort, Stand: 22. Nov.

Besser schien man es nicht haben zu können. Sie starrten auf das, was auf die Überschrift folgte. Durch die Entdeckung hatten sie nicht gerade viel gewonnen. Das Passwort selbst war ein Block aus fremdartigen Zeichen, ein Gitter aus fünfzig mal fünf Zeichen, wie sich nach dem Abzählen herausstellte. Es war eine handschriftliche Aufzeichnung, die man beim Fotokopieren verkleinert hatte.

Weißt du, was das ist?, fragte Kjell.

Hieratisch, antwortete sie. Ich glaube, dass es Hieratisch ist.

Jetzt erstaunst du mich aber.

Sie versuchte, ihr Lächeln zu verbergen.Kjell wusste, dass Sofi mit fünfzehn einen ganzen Sommer lang in Kairo gelebt hatte, mehr aber auch nicht. Sie war bei diesem Thema sehr ver­schwiegen. Kjell glaubte, dieser Sommer sei Sofis ganz persön­licher Schatz, den sie manchmal gerne aufblitzen ließ. Aber sie würde die Truhe nie ganz öffnen.

In ihrer Akte stand, dass sie fließend Arabisch sprach.

Kannst du etwas lesen? fragte er.

Nein, ich erkenne nur, dass es altägyptische Schreibschrift ist. Lesen kann ich das nicht.

Die Zeichen des Gitters waren jedoch keine der üblichen Hieroglyphen, wie man sie auf Tempelmauern fand, sondern eine Handschrift, mit der ägyptische Schreiber auf Papyrus zu schreiben pflegten.

Kjell wusste nur, dass man Jahre brauchte, um so etwas flüssig lesen zu können. Wir könnten natürlich eine Zeichen­liste heranziehen. Dann können wir die Zeichen vielleicht transkribieren.

Aber es gibt dabei immer noch ein großes Problem. Ich habe hier ja eine westliche Tastatur, und der Server erwartet eine Eingabe, die aus lateinischen Buchstaben und Zahlen besteht.

Man kann das nicht so eindeutig übertragen?

Es existieren so viele Umschriftsysteme. Deutsch, englisch, französisch. Und dann gibt es da noch ein anderes Problem. Das Gitter hat fünfzig Zeilen mit jeweils fünf Zeichen, also 250 Zeichen, aber man kann nur fünfundvierzig Stellen eingeben.

Sie entschieden sich, die Lösung dieses Problems zu vertagen. Sofi verschaffte sich einen flüchtigen Überblick über den Inhalt des Computers. Einige Dokumente lagen auf der Festplatte, auf den ersten Blick handelte es sich um wissenschaftliche Aufsätze und Notizen.

Der Server steht auf jeden Fall im Nahen Osten. Die Nummern­adresse deutet auf Ägypten hin.

Er trat zwei Schritte zurück und betrachtete den Tisch, den Computer, Sofis Hinterkopf und ihren Rücken. Kannst du die Festplatte kopieren? Wir lassen alles so stehen, in dieser Umgebung und Anordnung. Hier stimmt irgendetwas nicht.

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