Die falsche Tote

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Süden der Bretagne

Dort mußte es sein. Jo­se­fin fuhr von der Straße ab und ließ den Wagen lang­sam auf die Wie­se rol­len. Noch bevor er ganz still­stand, öffnete Clément die Tür und sprang hinaus. Mit den Augen gab er ihr ein Zeichen, daß er nach­schau­en wolle. Jo­se­fin zog den Schlüssel ab und pustete die Luft aus ihren Lun­gen. Ihr Blick folgte Clément, als er über den ausgedörrten Rasen auf die Stelle zuschlenderte, wo sich der Wald zu einen dunklen Loch öffnete. Kurz darauf hatte es ihn verschluckt. Sie drückte die Tür auf. Sofort brannte die Mit­tags­sonne auf ihrem aus­ge­streck­ten Arm.

Beim Aus­steigen war es, als prallte sie gegen die Mittagshitze, die nach nichts roch und nach nichts schmeckte. Jo­se­fin schützte ihre Augen mit der Hand und versuchte, Clé­ment zu erspähen, doch das Licht ließ allen Dingen nur die Wahl, zu erblassen oder schwarz zu wer­den.

Clément störte es nie, wenn er auf sie warten mußte, aber dennoch zwang sie sich, ihn rasch einzuholen. Staunend betrat sie den Wald. Obwohl die Stämme dicht beieinander standen und die Wipfel der Bäume sich zu einem kompakten Dach zu­sammenfügten, war es gar nicht finster. Die Luft war nur ein wenig kühler als draußen und roch nach dem trockenen brau­nen Erd­boden. An­ders als zu Hause gab es kaum Grün auf dem Bo­den, und es ragten auch keine Fels­brocken aus der Erde hervor. Die Öffnung war der Beginn eines geraden Weges, der wie ein aus­ge­trock­netes Bach­bett tief in die weiche Erde ein­gesun­ken war. Hundert Schritte weiter hatte Clément seinen Kopf in den Nacken gelegt und be­trach­tete die Baum­kronen.

Es war so still. Erst jetzt fiel ihr auf, daß es kein Summen und Flirren von Insekten gab und auch keine Vögel. Das lag vielleicht an der Mittagszeit, aber trotzdem fühlte sie, daß die Zeit diesen Wald verlassen hatte.

Clément war nie ungeduldig. Weil er auf nichts wartete, wußte sie. Deshalb verbrachte sie die Sommer so gerne mit ihm. Seit der Kindheit. Manchmal küss­ten sie sich. Sie tat es vor al­lem, weil sie die Un­kom­pliziert­heit, mit der sie es manchmal taten und manchmal nicht, so un­glaub­lich fand und un­bedingt aus­kosten woll­te. Er jedoch, weil es im schmeckte. Als sie ihn er­reich­te, lä­chel­te er nicht. Sonst tat er das immer, des­halb deu­tete sie es so, daß auch er die Ge­schlos­sen­heit dieses Waldes spürte. Ob das auch so war, wenn man von seiner Ge­schichte gar nichts wußte? Den Geist des Ortes hat­ten die Römer das ge­nannt. Jo­se­fin glaubte daran.

Der Weg setzte sich in gerader Linie fort, in alle Unendlich­keit, wie es schien, wie ein Bild, das den Betrachter verwirren soll. Dabei war der Wald gar nicht so groß. Sie folgten schwei­gend dem ein­ge­sun­ke­nen Weg, an des­sen Kan­ten die Wur­zeln der Bäume in die Luft rag­ten. Es berei­tete ihr kein Un­be­hagen, immer tiefer in dieses Bild zu gehen. Aber daß sich der Wald überhaupt nicht veränderte, wun­derte sie. Als wieder­holte er sich dau­ernd. Zu Hause, im fort­schritt­lichsten Land der Welt, wan­delte sich sogar der Wald auf Schritt und Tritt, wenn man ihn durch­streif­te. Dort zeigte er dau­ernd neue Bilder, die einen zum Wei­ter­gehen an­sporn­ten.

Nach einer Viertel­stunde blieben sie stehen und blickten zurück. Der Licht­punkt des Ein­gangs war ver­schwun­den. Jo­se­fin zog die Wan­der­karte aus ihrer Gesäßtasche und stu­dier­te sie. Der Hin­kel­stein hätte längst kommen müs­sen. Es gab auch kei­nen Zwei­fel, daß es nur die­sen Weg gab, obwohl er in­zwi­schen nicht mehr so tief im Bo­den lag, und man ihn leicht ver­las­sen könn­te.

Druiden gibt es auch nicht, murmelte Clément in seinem rollenden bre­toni­schen Französisch. Dann blickte er wieder hinauf in die Baum­kronen.

Der die Bäume kennt, schoss es Jo­se­fin durch den Kopf, dru war ein altes indo­ger­mani­sches Wort für Baum oder Holz, das hatte sie in ihrem Grie­chisch­buch ent­deckt. Und uid, das stand für Wissen und gehörte zum selben Wort­stamm. Wie Caesars vidi, ich habe gesehen.

Wer gesehen hat, der weiß. Erst wollte Jo­se­fin es Clément erzählen, doch er interessierte sich nicht dafür, wie die Dinge zu­sam­men­hingen, er wollte sie lieber spüren, und es hätte ihm nichts ausgemacht, wenn die Dinge gar nicht mit­einan­der ver­bun­den, sondern einfach nur für sich da gewesen wären. Er ent­deck­te etwas am Boden und ließ sich auf die Knie sinken. Eicheln waren das. Sie lagen dort in Scharen. Clément begann, den vorde­ren Saum seines T-Shirts hoch­zu­zie­hen und die Ei­cheln ein­zu­sam­meln. Das Hemd benutzte er als Tragetasche.

Willst du die alle mitnehmen?

Er nickte. Das ist doch ein schönes Geschenk, wenn du wieder nach Hau­se fährst. Dann haben alle deine Freun­de bald eine Eiche aus dem Dru­iden­wald in ih­rem Gar­ten ste­hen.

Jo­se­fin lächelte, bis Clément sich wieder dem Boden zuwand­te. Dann ließ sie ihren Blick um­her­schwei­fen. Diese Verschlos­senheit. Und trotz der Bäume wirkte der Wald leer. Wie ein leeres Säulen­gebäude. Auf einmal fiel es ihr ein. Das Mädchen. Das dun­kel­haa­rige Mädchen aus Stock­holm. So eigen­artig war sie ge­wesen. Bei dem Tref­fen hatte sich Jose­fin gefragt, was mit ihr nicht stimm­te. Aber jetzt wußte sie es. Ihre Au­gen, hin­ter ihnen schien eine Lee­re zu sein, die die­ser hier glich. Als hätte sich die Seele weit nach hin­ten zurück­gezo­gen. Wie im­mer wie­der in den letz­ten Ta­gen fragte sich Jose­fin, ob es ein Feh­ler gewesen war, Kontakt zu ihr auf­zu­neh­men.

In Gedanken hatte sie begonnen, auf und ab zu laufen. Da ent­deck­te sie die kleine Öffnung zwischen den Büschen und spürte sogleich den Drang hin­ein­zu­schlüp­fen. Es war kein Weg, wie sich bald her­aus­stell­te, eher eine natürliche und zufällige Lücke. Nadeläste stri­chen über ihren Bauch. Hinter den ersten Büschen öffnete sich der Durch­gang zu einem be­moos­ten Pfad. Sie ging wei­ter, ob­wohl sie sich im­mer wie­der mit den Haa­ren ver­fing und über Wur­zeln stol­per­te.

Dann weitete sich das Gestrüpp zu einer Lichtung. Der Weg war hier zu Ende. Jose­fin blieb wie angewurzelt stehen. Vor ihr lag ein klei­ner Weiher. Die Strah­len der Sonne schienen über dem Wasser in der Luft zu stehen. Jo­se­fin hörte ein Flirren, dessen Herkunft sie nicht ausmachen konnte. Das Wasser roch brackig und nach Moor.

Es war eine gedrängte Welt hinter unsichtbaren Mauern. Sie hatte die klare Erkenntnis, daß sie hier nicht sein durfte. Aber sie konnte sich nicht bewegen, geschweige denn umdrehen und zurückgehen. Dann bemerkte sie die Gänse. Sie waren wie aus dem Nichts aufgetaucht und trieben lautlos auf dem Was­ser. Graugänse. Jo­se­fin starrte auf das laut­lose Glei­ten. Im selben Augen­blick begannen die Vögel, mit den Flügel zu schlagen und zu schnattern. Sie war zu benommen, um die Tiere zu zählen, aber es mußten fünf oder sechs sein. Die Gänse schlugen dicht über der Was­ser­ober­fläche mit den Flügeln und erhoben sich dann in die Luft.

Die Idylle konnte sie nicht erfreuen. Sie stand einfach nur da und brauchte eine ganze Minu­te, bis sie sich dem Ort wieder ent­zie­hen konn­te. Er zerrte an ihr und wollte sie fest­hal­ten. Et­was ganz und gar Frem­des war hier. Sie wußte nicht, ob es gut oder böse war. Oder ob sie gut oder böse war.

Als sie zu Clément zurückkehrte, kniete er immer noch an derselben Stelle. Die Vorder­seite seines Hem­des bog sich durch. Mehr als hun­dert Ei­cheln muss­te er darin ge­sam­melt haben.

Wohin die Gänse wohl geflogen waren? Vielleicht kamen sie sogar aus Schweden. Sie erzählte Clément nicht, was sie erlebt hatte. Das Bild und die Frage beglei­te­ten sie auf dem ganzen Rück­weg bis zum Ausgang des Wal­des. Erst dort glaubte sie, sich ganz aus dem Sog befreit zu haben. Als sie die Wiese und das Licht erreichten, wußte sie es. Sie er­inner­te sich an ihre Ferien bei Großmutter und daran, daß sie dort nie die alten japani­schen Nils-Hol­gers­son-Fol­gen im Nach­mit­tags­pro­gramm an­sehen durfte. Aber sie konnte sich nicht mehr an den Grund er­in­nern, den Großmutter ihr ge­nannt hatte.

Am Wagen nahm sie ihr Telefon aus der Ablage und klappte es auf, um sich zu ver­ge­wis­sern, daß die Zeit nicht viel­leicht doch ste­hen­ge­blie­ben war. Ihr war ein Anruf ent­gan­gen. Jo­se­fin prüfte, wer der An­rufer ge­wesen war. Es war die Nummer des Mädchens.

Stockholm · Drei Wochen später

DDas Wasser duftete schon nach fliehendem Som­mer. Dafür sorgte der kalte und ziehende Wind, der ihm von hinten um die Ohren strich. Am Himmel streckten sich hoch­schwebende Wolken über ganz Uppland. Fürihn war das schon der Herbst. Doch sobald er die Nase wieder ins Wasser tauchte, war sie wieder da, die gestaute Hitze. Sie ließ das Wasser wie Gemüsesud schmecken. Leichte Wellen trieben über die Ober­fläche. Immer wenn er ein Wellental durchquerte, tauchten die Ufer am Horizont ab und die Geräusche der Stadt verstummten. Dann war nur noch das Schwappen zu hören. Eine kalte Strö­mung streifte seine Hüfte.

Linda hockte auf dem länglichen Felsvorsprung über dem Sandstrand. Dort erwartete sie ihn immer. Er entdeckte sie, als ihn eine weite, flache Welle nach oben trug. Linda hatte die Knie zur Brust gezogen und die Arme darauf gebettet. Das schräge Licht der Abendsonne ließ ihre linke Seite gold glänzen, die rechte lag im Dunklen.

Sie regte sich nicht und hatte ihn noch nicht bemerkt, obwohl er bestimmt zu sehen war. Wenn man aufmerksam auf das Was­ser schaute. Er verhielt sich still, bis er sich ganz sicher sein konnte. Er wollte keiner Fremden zuwinken und dann auf sie zuschwimmen. Vier Züge später sah er auch das Fahrrad auf­blitzen, das neben ihr lag. Da winkte er. Nach mehreren nun schon kraftlosen Atemzügen bemerkte sie ihn auf einmal, hob die Arme und winkte, als wäre er von ihnen beiden der Orien­tie­rungslose.

Nur noch ein bisschen, Papa! Jetzt hast du es gleich ge­schafft!

Er schluckte Wasser. Auf der Wiese klappten ein halbes Dut­zend Frauen­ober­kör­per hoch. Die Feier­abend­son­nen­den formten mit ihren Händen einen Blendschutz vor der Stirn, um dabeizusein. Bis Papa es geschafft hatte. Mit letzten Kräften er­reichte er das Ufer. Wegen der Auf­merk­sam­keit, die Linda ihm ver­schafft hatte, konnte er sich nicht wie ein schlaf­fer Lap­pen ne­ben sie auf den Fels fallen las­sen und keu­chen, sondern muß­te kurz vor dem An­lan­den einen eiser­nen Tonus seines Körpers herbeiführen, wofür ihm vor allem men­tale Ent­schlos­sen­heit zur Verfügung stand. Gleich­zei­tig mußte er so aus dem Was­ser stei­gen, daß ihm seine Haare nicht stumpf­sin­nig auf der Stirn kleb­ten. Sie reichte ihm das Hand­tuch. Ich hab schon geglaubt, daß du schlapp­machst.

Er war mit Henning vom Büro aus die Polhemsgatan hin­unter­ge­schlen­dert. Am Smedsudden waren sie ins Wasser gestiegen und hat­ten im brust­tie­fen Was­ser ste­hend noch eine Viertelstunde über ihre neue Kollegin gespro­chen. Das war Sofi. Sie hatte vor einigen Wochen bei der Gruppe begon­nen. Hen­ning hatte dabei eine Dose Bier ge­trun­ken. Den ersten Schluck so zu mes­sen, daß die Dose da­nach auf­recht neben einem im Wasser treibt, das war nur eines der Ta­lente, die Gott Hen­ning mit auf den Weg gegeben hatte. Sein wich­tigstes aller­dings, wie er selbst fand. Er schwamm nie weiter als die dreißig Meter bis zur roten Boje. Die Bojen mar­kier­ten nicht etwa das Ende des Bade­strands und den Beginn des schiff­baren Wassers, wie viele glaubten, sondern genau die Distanz zum Strand, wo das Bier zur Neige ging und es für Hen­ning Zeit war, das Steu­er­ruder her­um­zureißen und sich wieder ans Ufer anschwem­men zu lassen.

Für Kjell jedoch begann bei der Boje der Heimweg über den Fjord. Jenseits der Wassers lag Långholmen. Dort war das Wasser tief und kalt. Er hat­te ei­nen Neun­stun­den­tag hin­ter sich, und noch bevor er dem Stim­men­gewirr am Smeds­udden ganz davon­ge­schwom­men war, waren ihm die Arme schwer ge­wor­den. An anderen Tagen hin­gegen konnte er noch viel weiter schwim­men. Linda war immer dafür zuständig, mit seinen Sa­chen im Korb über die Brücke zu radeln und am Ziel auf ihn zu warten.

Heute wollte er nur noch ein Glas Wein mit ihr auf dem Balkon trinken, vielleicht das eine oder andere Wort über den Ernst des Lebens an sie richten, der morgen früh für sie begin­nen würde, oder, noch besser, es einfach lassen. Er nahm die frische Baumwollhose, die Linda ihm mitgebracht hatte, aus dem Fahrradkorb. Und an ein frisches T-Shirt hatte sie auch gedacht.

Kjell Cederström?

Kjell und Linda wandten sich gleichzeitig um. Zwei unifor­mierte Schutz­poli­zis­ten stan­den da, ein Mann und eine Frau, unter deren Kappe ein ge­floch­tener Zopf her­aus­ragte. Kjell nick­te. Was blieb ihm anderes übrig? Den Wagen hatte er vor­hin schon oben vor dem roten Holz­haus stehen sehen. Davor stand ein kleiner Junge in Bade­hose und versuchte her­aus­zu­fin­den, ob sein Eis bis zum Stiel in seinen Mund passte. Der Kleine hatte es geschafft, er röchel­te vor Er­kennt­nis.

Wir haben Anweisung, dich so schnell wie möglich nach Va­sastan zu bringen, sagte der Mann, der einen Schritt nach vorn getreten war. Man sah dem Duo an, daß sonst immer die Frau redete, doch jetzt schielte sie nur auf Kjells dunkelblaue Bade­hose. Zum Glück hatte Linda nicht die rote mit­ge­bracht. Auch der Mann blickte auf­fäl­lig milde drein, als kämpfte er mit dem Grin­sen.

Ein Scherz, überlegte Kjell, einer von der Art, wie man ihn bei der Polizei liebte. Er ließ sich von Linda sein Telefon reichen. Bar­bro hat euch geschickt, oder?

Die beiden schüttelten den Kopf, während Kjell sich das Tele­fon ans Ohr hielt. Nach dem zweiten Tuten nahm Bar­bro ab. Er schilderte die Lage.

Steig sofort in den verdammten Wagen!, herrschte Bar­bro mit einer Stimme, die es wirklich ernst meinte. Die Reichs­leitung hat Protokoll 12 angeordnet. Die Säpo hat schon ganz Birkastan abgeriegelt.

Kjell Cederström konnte nirgendwo ein Auto fahren sehen. Die Straßen um den Vasapark waren vom Sankt-Eriksplan bis zum Odenplan so leer, daß man wie in tiefer Nacht von überall her die Ampelkästen summen und ticken hörte.

Der Streifenwagen hatte ihn bei der Sigtunagatan abgesetzt, einer kurzen Ver­bin­dungs­straße, die sonst immer still dalag. Während an ihren Enden der Ver­kehr und das Leben über die Oden­gatan und den noch größeren Karla­bergs­vägen vor­bei­rausch­ten, geschah hier kaum etwas anderes als Wohnen und Parken. Jetzt hatte sich das alles ver­kehrt. Die Abend­sonne be­strahl­te das Gewim­mel aus Poli­zis­ten und wild auf der Straße abgestell­ten Fahr­zeugen, während auf der Odengatan kein ein­ziges Auto fuhr. Das war nur mit einer ver­ord­neten Rot­schaltung der um­lie­gen­den Kreu­zun­gen zu schaffen.

Erstaunt blickte Kjell in die etwa zweihundert Meter lange Straße. An bei­den En­den verriegelten Polizeifahrzeuge die Ein­fahrt. Im Alko­hol­laden an der Ecke brann­ten noch die Lichter, obwohl die ja immer schon um sieben Uhr zu­mach­ten. Drei Männer, deren Ge­sich­ter Kjell nicht kannte, stan­den darin und hat­ten sich in ein Gespräch mit den Verkäuferinnen ver­tieft. Die Sicher­heits­ab­tei­lung, vermutete Kjell.

Er wußte noch immer nicht, was geschehen war. Aber nach Bar­bros Aus­kunft, daß Protokoll 12 auf ihn warte, worin er ein kleines und sich schnell drehendes Rädchen war, konnte es nur um einen Anschlag auf einen Minister oder etwas Ähnliches gehen. Die beiden Zivi­listen, die mit den Schutz­poli­zis­ten die Straßensperre bewachten, mußten auch von der Säpo sein. Sie ließen Kjell an­stands­los pas­sie­ren, als er sich aus­wies.

Obwohl von Jugendstil bis zur Gegenwart jeder Stil in dieser Straße ver­tre­ten war, wirkte die Häu­ser­fas­sade mono­ton. Das Zentrum der An­samm­lung lag vor dem graubraunen Haus mit den erb­sengrünen Fen­ster­rahmen. Die Poli­zei­fahr­zeuge waren kon­zen­trisch um den Haus­ein­gang geparkt wie Pfeile um ein Sonderangebot. Kjell konnte Bar­bro an ihrem röt­lich­blon­den Haar unter dem Dut­zend aus­machen, das vor dem Ein­gang herum­stand. Sie wurde auch so­gleich auf ihn auf­mer­ksam, an­schei­nend hatte sich schon die erste Un­ruhe in ihr aus­gebrei­tet. Die auf­wen­dige Fri­sur vom Nach­mit­tag hatte sie inzwi­schen für einen Pferde­schwanz auf­gege­ben. Mit einem Schreibbrett in der Hand kam sie auf ihn zu.

Endlich! Wo bleibst du!

Ich war schwimmen. Was ist mit Henning?

Der muss auch jeden Moment eintreffen. Bar­bro deutete mit der freien Hand auf den Hauseingang, dessen Tür offenstand und Einblick in den Flur gab. Er erkannte den üblichen halb­her­zig-pro­testan­ti­schen Ju­gend­stil mit Schach­brett­boden und der obli­gatori­schen Schnecken­haus­treppe.

JK-1, sagte Bar­bro. Jo­se­fin Ro­sen­feldt. 21 Jahre. Aus dem vierten Stock gestürzt. Die Leiche ist schon weg.

Überall um sie herum kni­sterten Funkgeräte, die Gespräche waren jedoch schon ab­ge­ebbt. Für die Träger aller hohen Ver­fas­sungsämter und deren An­gehörige gab es einen Code, damit es bei der Ar­beit nicht zu Ver­wechs­lun­gen kam. Das hatte sich die Säpo in ihrer gedank­lichen Kargheit so aus­ge­dacht. Der Part­ner eines Amtsträgers trug immer eine Null im Code, und die Kinder wurden wie bei den alten Römern durch­nume­riert.

Jo­se­fin war das älteste Kind des Justizkanzlers.

Warum wurde sie schon weggebracht? Wie lange seid ihr schon hier?

Bar­bro sah auf die Uhr. Etwa vierzig Minuten. Es gab zwei Zeugen. Eine Passantin hat beobachtet, wie das Mädchen auf dem Gehsteig aufschlug. Und dann gibt es noch eine andere junge Frau, die kurz darauf hinzukam, und die Tote gleich er­kannte. Anscheinend ist sie die Mitbewohnerin. Die Sanitäter haben ohnehin alles kontaminiert. Der Säpo war es zu riskant, weil man die Leiche von weitem sehen konnte. Es gibt aber genug Fotos.

Welche Priorität hat der Justizkanzler?

Das Justizkanzleramt hat eigentlich nur Stufe drei, aber kurz nachdem Rosen­feldt es übernommen hat, hat die Säpo ihn auf zwei hoch­gestuft.

Bar­bro blätterte hilflos in den Unterlagen auf ihrem Klemm­brett. Sie muss­te die Papiere erst vor kurzem be­kom­men ha­ben.

Kjell kniff sich in die Nasenspitze. Das wunderte ihn alles nicht. Wenn man bedachte, was Ro­sen­feldt seit seinem Antritt alles gesagt und getan hatte, fand er es sogar erstaunlich, daß nicht längst etwas passiert war.

Der Justizkanzler war einst der Jurist des Königs gewesen, heute der der Regierung. Aber das war nur die formale Defini­tion, denn eigentlich schützte der Justizkanzler die Bürger und die freiheitliche Grundordnung vor dem Staat. Wie sehr sich der Justizkanzler vor das Volk stellte, hing immer davon ab, wer dieses Amt gerade ausübte. Rosen­feldt jeden­falls war mit mehr Feuer und Flam­me an die Arbeit ge­gan­gen als je einer zuvor. Als Ju­stiz­kanz­ler über­wach­te er die Presse­frei­heit, alle Juri­sten im Land und das Ver­hal­ten der Behör­den gegenüber den Bürgern. Dazu zählten auch Kjell und der Rest der Reichs­mord­kom­mis­sion.

Bar­bro hatte endlich gefunden, wonach sie gesucht hatte. Ro­sen­feldt nimmt aber keinen Personenschutz in Anspruch, die Kinder auch nicht. Sie haben nur geschützte Adressen.

Wo ist der JK jetzt?

Ferien in Frankreich. Ist schon verständigt.

Ist die Familie auch dort?

Es gibt nur die Kinder. Der Sohn hat eine eigene Wohnung in Söder, und Jo­se­fin wohnt hier.

Auf einmal stand Henning bei ihnen. Er mußte vom anderen Ende der Straße gekommen sein. Verdammte Leck­mich­schei­ße. Ich hätte mich an der ver­rot­ten­den Boje fest­ket­ten sollen. Das war der erste Eindruck des weit über Hud­dinge hinaus be­kann­ten Schimpf­wort­syn­kra­ti­kers. Sie stie­gen in den Ein­satz­bus und nahmen am Tisch Platz. Bar­bro wie­der­holte alles noch einmal. Hen­ning fluch­te wieder und blickte durch das ver­git­terte Fenster des Wa­gens an der Haus­fas­sade hin­auf, die braun und grau war.

Der Anruf kam um 18 Uhr 37 von einer Passantin, begann Bar­bro ihren Rapport. Ihr Name ist Annika Sandell. Sie hat die Leiche auf dem Gehweg entdeckt und ein wenig verwirrt ge­wirkt. Des­halb wissen wir nicht genau, ob sie auch den Auf­prall mit­bekom­men hat oder nicht. Sie wird gerade vorne im Sabbats­berg unter­sucht und dann nach Hause ge­bracht. Lasse hat aus der Fließ­geschwin­dig­keit des Blu­tes auf dem Pfla­ster er­rech­net, daß die Frau gleich nach dem Auf­prall an­geru­fen haben muss. Sonst haben wir bisher keine Au­gen­zeu­gen für den Sturz ge­funden.

Der Notarzt war um 18 Uhr 41 eingetroffen und konnte nach wenigen Sekun­den den Tod fest­stel­len. Eine Minute später war auch der erste Strei­fen­wagen da­ge­we­sen und nur zehn Minu­ten darauf das erste Säpo-Pär­chen. Der Staats­schutz über­wachte alle Not­rufe. Als die Adres­se genannt wur­de, hatte man dort so­gleich Alarm aus­gelöst.

Während die Sanitäter und die beiden Poli­zis­ten sich um die Leiche kümmerten, kam eine junge Frau die Straße entlang, mit zwei vollen Tüten vom Alko­hol­laden in der Hand. Die Flecken vor dem Haus sind fast alles Wein­flecken und erst da entstan­den. An­schei­nend ist sie die Mit­bewoh­ne­rin oder Unter­mie­terin. Sie erlitt zwar einen Zu­sam­men­bruch, hat die Tote aber sofort erkannt und identi­fiziert.

Und dann gab’s gleich Reichsalarm. Henning klatschte in die Hände. Haben den die Säpo-Leute ausgelöst?

Bar­bro nickte. Wir wußten, daß die JK-Tochter hier wohnt, amtlich ist sie aber beim Vater gemeldet und bekommt die Post über ein Postfach. Das wird vor allem wegen verrückter Briefe­schrei­ber so gemacht. Befürch­tun­gen, daß hier jemand auf­kreu­zen könnte, gab es eigentlich nicht.

Kjell nickte zufrieden. Im Haus ihrer vornehmen Eltern hatte es offenbar so viele Stehempfänge gegeben, daß es Bar­bro keine Mühe bereitete, auch diesen hier zu organi­sieren. Die Gruppe bestand erst seit kurzer Zeit, und dies war der erste Fall, der nicht mit einer ab­ge­grif­fe­nen Akte be­gann. Bis­her hat­ten sie nur im sechsten Stock des Polizei­gebäudes in Kungs­holmen ge­ses­sen und ältere Fälle nach­ermit­telt, die irgendwo stecken­ge­blie­ben wa­ren. Dann hat­ten sie in der Akte geblättert, noch einmal mit den Zeugen gesprochen und am Ende die ursprüng­lichen Ermitt­ler an­geru­fen, um ihnen Vorwürfe zu machen.

Gibt es schon eine Entscheidung, was wir mit der Presse machen?, fragte er.

Das erledigt Sten. Die Mitbewohnerin ist Isländerin, Ses­sel­ja Rag­nars­dót­tir ist ihr Name. Sie sei um halb sie­ben zum Alkohol­laden vorne an der Ecke auf­gebro­chen, be­haup­tet sie. Zurück­gekom­men ist sie um 18 Uhr 47, da war die Funk­strei­fe bereits da. Also muss sie ganz kurz vor dem Sturz auf­gebro­chen sein.

Hmm, summte Henning. Das tat er immer beim Mitnotie­ren. Was haben sie davor gemacht? Ist da schon etwas be­kannt?

Sie haben gekocht und ein Glas Wein getrunken. Angeblich haben sie auch am offenen Fenster ge­stan­den, wegen der Sonne. Ses­sel­ja brach dann auf, um Nach­schub zu holen, bevor der La­den schließt.

Es kratzte laut, als Hen­ning sich mit der flachen Hand die Wange rieb. Er mußte sich zweimal am Tag rasieren, und heute hatte man ihn kurz vor der Abend­rasur ab­gefan­gen und wie eine Spiel­figur wieder auf den Anfangspunkt zurückgestellt. Es kann also sein, daß Jo­se­fin Ro­sen­feldt während meines Feierabends angetrunken aus dem Fen­ster kippt und dabei ver­sehent­lich Reichs­alarm auslöst, im Fall sozusagen.

Bar­bro schüttelte den Kopf. Wir haben inzwi­schen einen Zeu­gen ge­fun­den. Bo Eriks­son wohnt neben­an und stand unter der Dusche. Sein Bad grenzt direkt an Jo­se­fins Flur. Zuerst hat er gehört, wie die Tür zu­geschla­gen wurde. Da muss Ses­sel­ja zum Ein­kau­fen auf­gebro­chen sein. Kurz da­rauf klingelte es jedoch. Und Bo Eriks­son hat auch gehört, wie je­mand zur Tür lief und die Klin­ke drückte. Nur, zu­geschla­gen wurde die Tür nicht wie­der. Das hat ihn noch ge­wun­dert, er hatte sich auf einen Knall ge­fasst ge­macht, weil die Ge­räu­sche im Bade­zim­mer wegen der Wände und der frei­en Roh­re sehr laut sind. Jeden­falls war die Tür ge­schlos­sen, als die Poli­zei ankam. Aber nicht ver­rie­gelt.

Das kann der alles aus Geräuschen heraushören?, wunderte sich Kjell. Während er duscht?

Bar­bro zuckte mit den Schultern.

Kann diese Mitbewohnerin noch einmal zurückgekehrt sein? Hat sie vielleicht das Geld vergessen?

Die Aussage des Nachbarn ist noch ganz frisch. Da hat­ten sie Sesselja schon weggebracht.

Rufen wir Sten an.

Bar­bro nahm den Hörer des Telefons, das in der Tischplatte eingebaut war, und reichte ihn Kjell. Sofort nahm am anderen Ende jemand ab und bat Kjell zu warten. Er schaltete den Laut­sprecher ein.

Der Reichskriminalchef meldete sich grußlos. Hör gut zu, Cederström. Ihr haltet euch nur an die Spuren am Tatort, wie wir es im Protokoll festgelegt haben. Den ganzen Rest überlassen wir der Säpo.

Ja ja.

Es bedurfte einiger Anstrengung und war ein altmodisches Gefühl, das dicke Spiralkabel des Hörers davon ab­zu­hal­ten, ihm den Hörer aus der Hand zu zie­hen.

Ich habe gerade mit dem JK gesprochen, sagte Sten. Wir schicken einen Jet nach Frank­reich und biegen es so hin, daß er nicht vor morgen früh ankommt. Sonst wer­den sie in Solna mit der Leiche nicht rechtzeitig fertig.

Was unternimmst du gegen die Presse?

Unten läuft gerade eine Pressekonferenz wegen des ithy­phallischen Supermans aus Valla Torg. Das haben wir eilig organisiert.

Ithyphallisch ist klar, murmelte Henning dazwischen. Aber wer ist Superman?

Bar­bro blickte milde drein. Mit erigiertem Glied heißt das.

Alle von den Abendzeitungen sind zur PK gekommen und hören brav zu, fuhr der Reichskriminalchef am anderen Ende der Leitung fort. Die Kontaktleute lancieren zudem für die Re­daktionen der Tageszeitungen, daß wir in der Nacht gegen die Betreiber der illegalen Downloadseite im Internet losschlagen. Dann denken die alten Hasen, daß Superman nur eine Ablen­kung dafür war.

Könnt ihr die Aktion wirklich durchziehen?, fragte Kjell. Wir brau­chen meh­re­re Tage Vor­sprung. Ihr soll­tet gegen elf eine ab­gewan­del­te Kurz­mel­dung nach­schie­ben. Wer weiß, wie vie­le Leute hier aus dem Fen­ster glot­zen und sich wun­dern.

Wir haben uns für einen betrunkenen Kleintrans­por­ter entschieden, der eine junge Frau angefahren hat. Das erklärt, warum wir die Straße sper­ren mußten. Wir schicken noch einen Ab­schlepp­wagen vorbei.

Kjell beendete das Gespräch mit der Begründung, ei­nen Blick in die Woh­nung wer­fen zu wol­len.

Superman hätte wahrscheinlich gereicht, fand Bar­bro. Der ist lustig genug. Die Abendzeitungen bringen ihn bestimmt auf dem Titel.

In der letzten Nacht hatte ein arbeitsloser Heizungsmonteur sich sein Superman-Kostüm übergestreift, in das er im Schritt ein Loch geschnitten hatte. So war er auf den Schlafzimmer­schrank geklettert, während ihn seine Frau auf dem Bett mit geöffneten Beinen erwartete. Die Sommerhitze und der Alkohol hat­ten dem Hei­zungs­mon­teur aber nicht nur diese Idee ein­ge­geben, son­dern auch ver­hin­dert, daß Super­man die Flug­bahn rich­tig be­rech­nete. Statt in seiner Frau war Super­man nämlich mit der Schläfe voran auf dem Bett­pfosten gelandet, was ihn augen­blick­lich nicht nur all seiner über­mensch­lichen sondern auch seiner menschlichen Kräfte be­raubt hatte.

Sofi? Habt ihr sie schon erreicht?

Bar­bro grinste. Sie ist oben.

Kjell Cederström stieg aus dem Wagen und betrat das Haus. Im Flur mußte er Schutzkleidung anlegen. Die Treppe wand sich so eng hinauf, daß sich die Ent­gegen­kom­men­den wie auf einer ein­spu­rigen Passstraße ar­ran­gie­ren mußten. Hier sah man bereits die Tech­niker in ihren weißen Overalls am Trep­pengeländer arbei­ten. Das hatte Bar­bro nach der eigen­artigen Au­ssage des Nach­barn gleich ver­an­lasst.

Das Treppenhaus roch nach feuchter Keller­luft. Sonst war es ganz schlicht und frei von Messing, wie man ihn sonst in so vie­len Treppenhäusern fand. Kjell war gespannt, was Sofi oben erreicht hatte. Bar­bro und Henning waren als Gründungsmitglie­der der Gruppe von Anfang an dabei gewesen. Beide hat­ten davor jahrelang bei der Kri­minal­poli­zei gearbeitet, Hen­ning in der Maria­wache in Söder und Bar­bro beim Betrug. Sofi hingegen gehörte erst seit kur­zem zur Gruppe. Und sie war jung dazu. Zuvor hatte sie eine Zeit lang bei der Schutz­polizei in Norr­malm ver­bracht, doch das war kaum der Rede wert. Die ande­ren Bewer­ber hat­ten zwar viel mehr Erfah­rung beses­sen, aber das konnte der Arbeit mehr scha­den als Un­er­fahren­heit, wenn man sich auf all die vor­eili­gen Schlüsse verließ, auf die man jahre­lang herein­gefal­len war. Dass viele bei der Polizei so dach­ten und arbei­teten, lag an der Art, wie man als Polizist seine Tage ver­brachte. Wie bei vielen ande­ren Beru­fen auch bestand das Spek­trum eines normalen Polizisten aus nur wenigen Erleb­nissen, Er­fah­run­gen und Met­hoden, die sich immer wie­derhol­ten.

Dies war Kjells Folgerung nach zwanzig Jahren und acht­zehn Trep­pen­stu­fen. Im dritten Stock schwebte ein leichter Chlor­geruch, den das Indi­kator­mittel ver­brei­tete, mit dem die Tech­ni­ker das Geländer bearbei­teten. Die Hek­tik des Trep­pen­hau­ses hörte im vier­ten Stock mit einem Schlag auf. Hier durf­te in­zwi­schen nie­mand mehr her­auf außer den Tech­nikern, und dabei spra­chen sie nie mehr als das Nötigste.

Darf ich rein?

Eine Frau mit Plastikhaube über dem blonden Haar nickte und deutete mit dem Fingern den Weg vor, auf dem er sich durch den Flur und das Zimmer zu halten hatte. Die Woh­nung begann mit einem engen Flur, der durch die Klei­der­stange in der Nische noch enger wirkte. Zwischen die Wände waren so viele Jacken gequetscht, daß es ein Wagnis war, einen Bügel heraus­zunehmen. Da­zu­hän­gen konnte man beim besten Willen nichts mehr.

Die Techniker hat­ten mit Plastik­planen abgedeckt, was noch vor ihnen lag. Rechts ging ein Badezimmer mit himmel­blauen Flie­sen ab. Kjell bewegte sich behut­sam durch das Zimmer. Die Wände waren hüfthoch vertäfelt, der weiße Lack auf dem Holz begann langsam zu ver­gil­ben. Kjell sah sich die Woh­nung immer so schnell wie möglich an, denn sobald die Tech­niker mit allem fertig waren, ließen sie eine ewige Stil­le am Tatort zurück, die sich auch auf seine Gedanken legte und ver­hinderte, daß er sich wie ein unsicht­barer Be­ob­achter der vor­an­ge­gan­genen Ereig­nisse fühlen konnte.

Beim Durchstreifen des Tatorts wollte nicht gestört wer­den. Die zur Straße liegende Wand teilte sich in zwei Hälften. Links standen Spüle und Herd, rechts war die Wand vor dem Fen­ster leer, so daß man sich hinaus­leh­nen konnte. Tech­niker beschäf­tigten sich mit dem Geländer. Måns klebte die Kon­takt­folie auf das Geländer, zog sie wieder ab und übergab sie sei­nem Helfer, der den Strei­fen be­schrif­tete und in sein Album ein­klebte. Der andere Kol­lege kniete nur da und zog im­mer neue Streifen von der Rolle. So würde das stun­den­lang gehen. Die Kon­zen­tra­tion auf das Fen­ster ließ keinen Zweifel daran, daß Jo­se­fin Ro­sen­feldt von dort hinabgestürzt war. Es mußte nach­träglich bis zum Bo­den verlängert worden sein, aber nach dem Zustand des weißen Halte­gitters zu urteilen, lag das schon einige Jahre zurück. Als einziges Möbelstück stand ein Tisch in der Mitte des Raums.

Auf einmal erklang Sofis Stimme im Nebenzimmer. Kjell schritt zum Tür­rah­men und sah sie zu­sam­men mit Lasse vor einem Bett auf dem Boden sitzen.

Sofi, überraschte er sie von hinten. Was machst du da?

Sie fuhr herum. Kjell! Wir haben was!

Wo ist Per?

Urlaub!, sagte Lasse, Pers dreißigjähriger Assistent, der für immer die Nummer zwei bleiben würde. Sein zwei Meter langer Körper war so schlak­sig, daß er rück­grat­los wirkte. Das schlug sich auf sein Selbst­ver­trau­en nieder. Er ist mit einer Bekannt­schaft auf dem Göta­kanal unter­wegs. Hat sich ein Boot gemie­tet.

Deswegen wirkten hier auch alle so orientierungslos, dachte Kjell. Pers Gemotze am Tatort war sonst immer der rote Faden der Techniker bei ihrer Arbeit.

Lasse hielt ein Kuvert mit der Pinzette hoch. Es war so winzig und rot, daß man es nur als Gruß an Weihnachtsgeschenke kleben oder darin Liebesbriefe beim Sportunterricht zustecken konnte.

Erst dachte ich, daß der Täter es hier unter das Kopfkissen gesteckt hat, sagte Sofi. Aber es muss schon länger dort gelegen haben.

Lasse nickte und steckte das Kuvert in ein transparentes Biopack. Es ist zugeklebt. Das können wir erst im Labor öffnen.

Kjell fragte sich, von welchem Täter Sofi da sprach. Wie lange seid ihr schon dran?

Halbe Stunde, behauptete Sofi.

Bar­bro sagt aber, du warst einer der ersten.

Vielleicht bin ich auch schon länger hier.

Ich hatte gesagt, du sollst nach Hause gehen.

Sie hat­ten alle einen langen Tag im Büro hinter sich. Kjell mußte Sofi den Feierabend immer befehlen, weil sie in ihrem Anfängerehrgeiz sonst einfach sitzenblieb. Auch diesmal mußte sie trotz ihres Versprechens noch viel länger geblieben sein, weil sie sonst den Alarm nicht mehr mitbekommen hätte.

Noch im Türrahmen stehend begann er, sich im Zimmer um­zusehen. In dem schma­len Bett konn­ten nie und nimmer zwei Men­schen zu­sam­men­lie­gen, wie sehr sie sich auch lieb­hat­ten. Den Schreib­tisch hatte sich Jo­se­fin ganz ein­fach wie beim Ta­pe­zie­ren aus ei­ner Holz­platte und zwei Böcken her­ge­stellt. Darauf stand Sofis Com­pu­ter und lief.

Sie rappelte sich vom Boden auf, was ihr wegen der Plastik­säckchen über ihren Füßen und der Folie auf dem Boden einige Mühe bereitete. Hast du das hier gesehen? Sie deutete auf die gegenüberliegende Wand, die er noch gar nicht entdeckt hatte. Es ist Burt.

Kjell drehte sich herum. Es mußte Jahrzehnte zurückliegen, daß Kjell eine Fototapete gesehen hatte. Burt Reynolds war jung, nackt und behaart wie eine Kokosnuß. Er lag auf einem Eisbärenfell, sein Ellenbogen verdeckte geschickt seine Scham. Zwischen den Fingern qualmte ein dünnes Zigarillo und davor stand einem klobigen Aschen­becher aus Glas. Kjell wußte nicht, ob Sofi erst seit einer halben Stun­de Burt Rey­nold an­himmel­te, aber die Tapete schien sie zu mögen. Ent­schei­dungen, ob Män­neroberkörper behaart oder unbe­haart sein mußten, wurden bei der Reichskrim immer am Kaffeeautomaten zwi­schen Auf­zug zwei und der Damentoilette gefällt, und da ging er nie hin.

Ich wär’ auch aus dem Fenster gesprungen, wenn ich so eine Tapete in meinem Wohnzimmer hängen hätte, kommentierte Kjell den Anblick. Gibt’s außer diesem Motiv noch andere Spuren?

Sofi probierte mehrere Blickrichtungen aus und vermied Augenkontakt. Offensichtlich verstand sie langsam, warum er so ungehalten war. Ganz sicher war sie die ganze Zeit mit Lasse auf dem Boden herum­ge­kro­chen und hatte sich alles von ihm zeigen las­sen. Dabei war ihre ein­zige Aufgabe, hier den Über­blick zu behal­ten und In­for­matio­nen nach unten zu liefern.

Ich bin schon fertig und hab nur auf dich gewartet. Ich habe mit dem Nachbarn geredet.

Schon gehört.

Sie haben ihn gleich weggebracht. Wer da geklingelt hat, wissen wir noch nicht.

Ist das alles?

Sonst deutet nichts darauf hin, daß jemand hier gewesen ist. Jenna aus der Technischen macht das Abdruckmuster am Fen­ster. Im Zimmer war es unordentlich. Kein Computer, kein Telefon und keine Dokumente. Bestimmt ist jemand hiergewe­sen.

Kjell nickte. Fahr ins Präsidium und bereite das Dossier vor.

Okay. Sie legte zwei Schritte zum Tisch zurück, schnappte sich ihren Computer und klappte ihn so laut zu, wie sie glaubte, daß es ihre auf­flam­mende Wut an­gemes­sen zum Ausdruck brachte. Und dann war sie auch schon weg. Es war eine grau­same Ent­schei­dung, sie jetzt weg­zu­schicken, wo das Le­ben ge­rade ihren Lieb­lings­geschmack an­genom­men hatte. Aber er wollte für die kom­men­den Tage von vorn­her­ein die Weichen er­ziehe­risch rich­tig stel­len.

Nachdem Lasse das Bettzeug verpackt hatte, wanderte er mit seinen Ge­rä­ten hinüber in das Zimmer der Mit­be­woh­ne­rin, das sonst noch nie­mand be­tre­ten durfte.

Kjell blieb allein zurück und setzte seine Er­kun­dung mit den Augen fort, ohne sich von dem Punkt zu bewegen, wo er stand. Die Foto­tapete stamm­te nicht von der ein­und­zwan­zig­jährigen Jo­se­fin, sie mußte schon viel länger an dieser Wand kle­ben und hatte von den Möbeln frü­herer Bewoh­ner schon eini­ge Schram­men abbekom­men. Viel inter­es­san­ter fand Kjell das Plakat, daß Jo­se­fin über ihrem Schreib­tisch aufgehängt hatte. Darauf blickten zwei Frauen den Betrachter ernst an. Sie trugen beide sehr akku­rate Fri­su­ren, und so gra­phisch gestal­tet war auch der Rest an ihnen und dem Lay­out. Schlag zu­rück!, stand als gro­ßer Schrift­zug dar­unter. Die vier­te Schwe­stern­schaft.

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