Krimiautor Daniel Scholten stellt seinen neuem Kriminalroman "Der Name der Dunkelheit" vor. Der vierte Mordfall mit Kommissar Cederström und der Mordkommission der schwedischen Reichskriminalpolizei in Stockholm erscheint im Oktober 2009 bei Goldmann.

Leseprobe aus dem neuen Krimi mit Kommissar Cederström und der schwedischen Reichs-Mordkommission: Der Name der Dunkelheit

Stockholm · Weihnachtsabend

Kapitel 1Die schmalen Augen von Suunaat Kjærgaard waren für diese blendende Dunkelheit geschaffen. Als die Sonne um halb drei unterging, hatte sie zufällig am Fenster gestanden und bemerkt, wie sich am nördlichen Horizont ein heller Streifen abzeichnete. Für Suunaat Kjærgaard, die an der Westküste Grönlands geboren und von dort zu einer lebens­langen Reise aufgebrochen war, hatte nicht der geringste Zweifel daran bestanden, daß der nahende Schnee wild war.

Sie blinzelte und klopfte sich das glitzernde Pulver von der Brust. Endlich hatte der Anblick grauer Sträucher ein Ende. Wochenlang hatte die Landschaft vor Kälte gestarrt und auf den Schnee gewartet wie eine leere Bühne auf den ersten Auftritt.

Böen griffen von allen Seiten an und brachten ihren Körper ins Wanken. Der Einbruch des Winters war wie ein Besuch aus der Heimat. Der Wind jaulte in ihrer Muttersprache.

Sie stapfte los. Der Schnee reichte ihr bis zu den Knien, war we­gen des Windes jedoch nicht überall gleichtief. Sie kannte das Strandbad vom Sommer und wußte, daß die Badewiese dreißig Schritte weit in sanften Stufen abfiel und kurz vor dem Ufer in Sand überging. Suunaat verlangsamte ihre Schritte. Die Wasser­linie war nur noch ein gefährlich unklarer Schimmer. Sie hörte bereits das Schwappen, sah jedoch die Bäume nicht, die verein­zelt am Wasser standen.

Zwei Schritte weiter zeichneten sich die schwarzen Stämme ab. Die Bäume trogen. Ihre Stämme ragten krumm über das Wasser hinaus, das dazwischen kleine Buchten ausgespült hatte. Suunaat schlug eine andere Richtung ein und bewegte sich ent­lang des unsichtbaren Wassers. Der Wind schlug ihr entgegen.

Vor jedem Schritt prüfte sie den Untergrund mit der Fuß­spitze, deshalb bemerkte sie den weißlackierten Mast mit dem Rettungsring erst, als sie mit dem Kopf dagegenstieß. Das Sig­nalrot war so verblaßt, daß die gesamte Vorrichtung im Gestö­ber unsichtbar wurde. Nebel verhüllte den Fjord. Von Kungs­holmen am anderen Ufer erkannte sie nur die drei Hochhäuser von Marieberg. Sie funkelten wie Kristalle.

Suunaat erreichte die Stelle. Zuerst erkannte sie die blauen Streifen des Sonnenschirms. Er widerstand den Böen mit er­staunlichem Starrsinn. Der Saum des Stoffs flatterte im Wind. Obwohl die Stange tief im Boden steckte, drohte der Schirm durch die Last des Schnees zur Seite zu kippen.

Der Liegestuhl darunter war aus massivem Holz, die Lehne aufgestellt. Suunaat mußte sich unter den Schirm ducken und hinknien, um das Gesicht der Frau betrachten zu können. Unter dem Schutz des Schirms lag ein so feiner Schleier aus Schnee auf ihren Wangen und der Stirn, daß Suunaat glaubte, einzelne Kri­stalle erkennen zu können. Obwohl die Lider geschlossen waren, wollte sie der Frau nicht den Blick auf den Fjord versperren und kroch auf den Knien zur Seite. Sie stellte die Tasche in den Schnee und streifte sich ihre Fäustlinge ab.

Als erste Maßnahme öffnete Suunaat den Mund der Frau, legte Zeige- und Mittelfinger auf die Zunge der Frau und versuchte, die Körpertemperatur zu schätzen. Irritiert zog sie ihre Finger bald wieder heraus. Sie hatte dort einen Anflug von Wärme erwartet.

Suunaat wechselte von der linken auf die rechte Seite des Stuhls, um den Wind im Rücken zu haben. Die Scheinwerfer des Polizeiwagens oben am Beginn der Wiese waren als diffuser Kreis zu sehen. Eigentlich sollten sie die Stelle markieren und ausleuchten.

Suunaat öffnete ihre Tasche. Der Schnee war trocken und ließ sich mit dem Notizbuch vom Körper der Frau wedeln. In dieser Lage konnte sie nur eines tun. Sie griff nach dem Stechthermo­meter und stieß es der Frau in den Bauch. In dreißig Sekunden würde es piepsen.

Für eine Rechtsmedizinerin war die Weihnachtszeit eine erfüllte Zeit. Da Suunaat völlig vereinsamt lebte, hatte sie den Weihnachtsabend und die Feiertage in der Abgeschiedenheit des rechtsmedizinischen Instituts verbringen wollen. Mit Menschen sprach sie meist erst nach deren Tod. Wenn man bedachte, daß die Stockholmer in jedem Winkel ihres Lebens recht zu haben glaubten, dann sahen sie nach ihrem letzten Atemzug erstaunlich nachdenklich aus.

Während die letzten Sekunden der Messung verstrichen, glaubte Suunaat in der unmittelbar neben ihr beginnenden Ferne ein Harmonium zu hören, aber da es auf Långholmen weit und breit keine bewohnten Häuser gab, schrieb sie den Klang einer Schiffssirene zu.

Sie fror nicht. Der Speck, der sie sonst vor der Kälte des Lebens schützte, schützte sie jetzt vor der Kälte des Winters.

Kapitel 2Die Polizistinnen Annika und Britt saßen da und glotzten. Maria 13 parkte mit eingeschalteten Scheinwerfern oberhalb des Strandbads von Långholmen. Die Wischer quiet­schten über die Scheibe, doch sobald Annika Holmqvist den Hebel auf Intervall stellte, bewältigten sie den Schnee nicht mehr.

Dieser Schneesturm hatte mit nichts Ähnlichkeit, was Annika in den vierunddreißig Jahren ihres Lebens erlebt hatte. Obwohl er erst seit einer Stunde wütete, mitten durch die Bescherungs­zeit. Wie viele Menschen er nach der Messe wohl in der Kirche gefangenhielt? Der Wind war so heftig, daß sie es längst auf­gegeben hatte, die Höhe des gefallenen Schnees zu schätzen, aber bereits auf der Fahrt hierher waren sie kaum vorangekom­men. Annika hatte den Wagen nah am Hang geparkt. Die Frage, wie sie später unbeschadet wenden und es bis zur Brücke schaffen sollte, saß als flaues Gefühl in ihrem Bauch.

Britt seufzte auf dem Beifahrersitz und wischte zum achten Mal mit ihrem benutzten Taschentuch über die beschlagene Seitenscheibe. Alle haben sich weiße Weihnachten ge­wünscht.

Wie in einer antiken Tragödie, sagte Annika. Jemand wünscht sich etwas Wunderbares, und wenn er es bekommt, ist es ganz und gar schrecklich. Sie zog energisch am Hebel; die Wischer verdoppelten ihre Frequenz, und die Scheibe war für einen Augenblick klar. Da! Sie kommt zurück.

Die Eskimofrau trat ins Scheinwerferlicht. Ihr Körper wa­ckelte wie bei einem Pinguin, fiel Annika auf, aber vielleicht war das die beste Art, durch hohen Schnee zu stapfen.

Die Rechtsmedizinerin öffnete die Tür, hievte ihre Tasche auf den Sitz und klopfte sich den Schnee von den Stiefeln.

Annika schaltete das Gebläse ab, damit sie besser sprechen konnten. Doch die sonderbare Frau auf der Rückbank schwieg und machte sich minutenlang Notizen. Es sah aus, als löste sie Rechenaufgaben.

Ist sie tot? Inzwischen waren Annika Zweifel gekommen, ob sie nicht zu voreilig gewesen war. Nach dem Einsatzbefehl wa­ren sie selbst zum Ufer hinabgestiegen. Weil sie in Zentral-Söder Dienst taten und in ihrer Zeit als Streifenpolizistinnen zwölf, an Unterkühlung gestorbene Obdachlose gefunden hatten, hatten sie unten am Ufer nicht lange herumdiskutiert. Nur der Umstand, daß die Tote keine Obdachlose war, irritierte sie.

Die Eskimofrau nickte nur. Ein Nachbar hat sie gefunden? fragte sie schließlich.

Esbjörn Fors, las Britt von einem der Zettel ab, die sie nach jeder Meldung ans Armaturenbrett klemmte.

Wo gibt es hier Nachbarn? Die Rechtsmedizinerin sprach in eigenartigem Tonfall.

Hinter dem Wagen lag das alte Gefängnis, in dem heute ein Hotel war, aber sonst gab es weit und breit nur Bäume und vereinzelte Holzhäuser, in denen im Winter niemand lebte.

Es ist komplizierter, setzte Britt an. Er ist Pensionär und wohnt jenseits des Kanals in der Bergsundsgatan. Er kommt dreimal am Tag mit seinem Hund herüber nach Långholmen, wobei er anscheinend immer die ganze Insel umrundet. Der Einsatzzentrale hat er die Sache so beschrieben: Heute morgen war der Strand menschenleer und von der Frau angeblich nichts zu sehen. Bei seiner Nachmittagsrunde saß die Frau dann da, als er herkam. Am Ende seiner Runde saß sie immer noch unverän­dert an derselben Stelle. Inzwischen hatte es zu schneien begon­nen.

Die Rechtsmedizinerin betrachtete Britt schweigend über den Rückspiegel.

Britt fuhr fort. Er war in Eile, weil er zur Bescherung bei seiner Schwester in Upplands-Väsby wollte. Unterwegs im Auto fiel ihm dann auf, daß die Gestalt sich überhaupt nicht gerührt hatte zwischen den beiden Malen, wo er sie sah. Und da rief er zur Sicherheit an.

Einem Anruf dieser Art wurde am Weihnachtsabend nicht gerade mit der höchsten Priorität nachgegangen. Das war allen im Wagen klar.

Jetzt ist er in Upplands-Väsby, folgerte die Ärztin.

Annika registrierte eine leichte Verärgerung in der Stimme. Das ließ sich bei ihrem mechanischen Tonfall nicht leicht her­aushören. Vielleicht war es auch Sarkasmus. Er hat um 16 Uhr 04 angerufen, sagte sie. Nicht mehr als eine Viertelstunde war vergangen, seit er hier am Strand war. Genauer wissen wir es nicht.

Um die Mittagszeit war er auch hier, behauptet er? Wann war das?

Das weiß er nicht genau. Die Sonne stand jedoch schon tief hinter den Baumwipfeln, gab er an. Gegen drei vielleicht.

Jetzt ist es 17 Uhr 29, sagte die Ärztin. Der Temperaturausgleich ist abgeschlossen.

Annika und Britt drehten sich zugleich zur Rückbank um.

Sprichst du von der Leiche? fragte Britt.

Ihre Kerntemperatur liegt bei null Grad.

Geht das so schnell?

Suunaat schüttelte den Kopf.

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